Der menschliche Körper ist eine Ansammlung gekrümmter Flächen, die sich noch dazu mit der Zeit verändern. Hattest du Probleme beim Übergang von ebenen Flächen auf die gekrümmte - spricht Leinwand oder Papier vs. Körper?
Selbstverständlich war für mich die Arbeit auf solch einem Material wie die Haut am Anfang etwas schwierig und abweichend von meinem bisherigen Schaffen. Aber in dem Moment als ich mich immer mehr daran gewöhnt hatte, bemerkte ich auch zunehmend die Möglichkeiten der Anpassung der Motive an die Anatomie des Körpers, die dann auch deutlich andere Dimensionen erreichten als bis dahin. Manchmal versuche ich, von den in der Tattoowelt eingefahrenen Kompositionen abzuweichen, aber es gibt immer noch zu wenige Kunden, die bereit sind, etwas Innovatives zu wagen und die meisten Tattoos mache ich nach den gängigen Trends... Wer weiß, vielleicht bekomme ich in der Zukunft mehr Freiheit.
Was denkst Du, wie werden die von Dir heute gemachten Tattoos in zehn Jahren aussehen? Unterscheiden sich Deine Zeichnungen voneinander in Abhängigkeit davon, ob daraus ein Bild oder ein Tattoo entstehen sollte?
Es ist schwer etwas darüber zu sagen, wie meine Tattoos in der Zukunft aussehen werden. Aber ich gehöre eindeutig zu der Gruppe der Tätowierer, für die der "zarte Schleier" auf der Haut etwas ist, was die Probe der Zeit nicht überstehen wird. Selbst beim Schattieren versuche ich die Pigmente tief in die Haut zu bringen (sicher führt das bei dem Kunden zu einem erhöhten Schmerz), aber für mich steht die Haltbarkeit an erster Stelle. Wenn es um bunte Tattoos geht, damit verhält sich das etwas anders. Bunte Farben verbinde ich mit etwas sehr lang anhaltendem, darum werde ich versuchen, noch mehr farbige Arbeiten zu machen. Ich mag auch dicke Striche, die sich im Kampf um die Haltbarkeit der Tattoos bewährt haben. Beim Entwerfen versuche ich darauf zu achten, dass die Arbeiten nicht zu viele Details haben, dass sie gut kontrastiert sind, wodurch sie auch maximal lesbar sind. Für mich ist jede Zeichnung anders, obwohl sie viele meiner früheren Erfahrungen beinhalten. Ich kopiere sie nicht, sondern ziehe Essenz aus früheren Zeichnungen. Beim Entwerfen von Tattoos mache ich meistens fertig ausformulierte Zeichnungen, die alle notwendigen Elemente berücksichtigen, die sich auf der Haut wieder finden sollen und in gewisser Weise die Ausführungsbedingungen des Tattoos bestimmen. Sehr selten arbeite ich Freihand, weil es mir scheint, dass wenn ich vorher eine Zeichnung auf Papier gemacht hätte, das Tattoo ausdrucksstärker wäre und auf der Haut ich noch mehr hätte rausholen können. Ich versuche mich also für jedes Tattoo auf dem Papier vorzubereiten. Wenn es um Malerei geht, so mache ich hier erst die ersten Schritte seit dem Studium und grundsätzlich ist die Zeichnung in der Malerei eine Konzeptskizze, die erst auf der Leinwand durchgekaut und ausarbeitet wird.
Was war Dein merkwürdigstes Tattooerlebnis?
Derartige Episoden fanden statt und werden auch künftig stattfinden. Denn die Arbeit als Tätowierer beruht auf zwischenmenschlichen Relationen. Die Arbeit mit den Kunden ist immer mit Situationen verbunden, die lange in der Erinnerung haften bleiben, wie z.B. Ohnmächtigwerden der Kunden oder die unendlichen Korrekturen der bereits für sie vorbereiteten Muster und solche Sachen. Wenn es aber um das Tätowieren selber geht, ist das was mich am meisten entwaffnet hat die Sucht, der der Tätowierer verfällt, je länger er sich mit Tätowieren beschäftigt. Bei mir ist es genauso; je länger ich mich damit beschäftige, um so mehr nimmt es mich in Anspruch und um so mehr Zeit widme ich dafür... Ich kann mir dieses Phänomen nicht erklären und doch bin ich selbst ein lebendiger Beweis dafür.