Seine Arbeiten basieren vor allem auf einfachgehaltenen Motiven und die Ausarbeitung derer mit vereinzelten, starken Linien, unterliegenden Mustern und verschiedenen Strukturen.
Ein Style, der vielleicht nicht jedem gefallen muss aber mit seinem einfachem Charm, kindlichen Formen und stilistischen Elementen seinen ganz eigenen Reiz besitzt.
Kannst Du dich kurz vorstellen?
Mein Name ist Noon und ich erreiche nun schon mein 45. Lebensjahr, bin also verdammt alt!! Aah! Zurzeit lebe ich in Troyes, Frankreich. Das ist eine kleine historische Stadt im ländlichen Osten von Paris. Ich tätowiere seit 1996 auf professionellem Level. Momentan teile ich meine Arbeitszeit zwischen Frankreich, den USA (NYC/ Tattoo Culture) und der UK (London/Family Business) ein. In Frankreich nehme ich jetzt auch wieder private Termine an.
Was sind Deine bevorzugten Tattoo-Stile?
Eigentlich habe ich keinen bevorzugten Style. Es fällt mir einfacher Dinge zu nennen, die ich nicht mag, wie z.B. Delfine, Arschgeweihe usw. Im Grunde schätze ich alles, was mit Leidenschaft und Ehrlichkeit entstanden ist. Sobald ich es erkenne, kann ich auch Gefallen daran finden, selbst wenn es kein von mir bevorzugter Style ist. Wenn etwas gut ist, ist es eben gut und man kann nur dazu sagen: "Das ist gut!" Ich bewundere auch Tattoos, die als wirkliches Tattoo gestochen wurden, also auch mit der Absicht, ein Tattoo zu sein.

Kurze Erklärung: Für mich sind Tattoos mehr als nur ein schönes Bild im nächsten Magazin.
In der letzten Zeit sehe ich immer mehr Tattoos mit sehr viel Farbe und realistischen Effekten.
Ich denke aber, dass diese Arbeiten (ich sage Arbeiten und nicht Tattoos) lieber auf der Leinwand bleiben sollten oder wo auch immer man mag, nur nicht in der Haut. Tattoos sind für die Jahre gemacht und nicht nur für ein paar Jahre. Diese Art realistischer Tattoos werden in kurzer Zeit aussehen wie Scheiße und müssen dann überdeckt oder mit Laser behandelt werden. Wir reden immerhin von Tattoos und nicht über das "Egofutter" von einigen Tätowierern, die nur ein schönes Bild machen wollten.
Das ist zwar nur meine Meinung, aber bei Tattoos sollte immer das Thema Langlebigkeit und Beständigkeit im Sinn bleiben. Man findet das z.B. in traditionellen Stilen wie Tribals oder japanischen und amerikanischen Traditionals. In meiner Stadt sind die Tattoos der Ältesten (tätowiert im Knast oder auch handgestochen) bis heute noch gut lesbar und manche davon sind schon mehr als 40 Jahre alt.
Was und wie war Dein erster Kontakt zur Tattoo-Welt? Wie wurdest Du zum Tätowierer?
Das ist eine ziemlich lange Geschichte. Das Tätowieren ist mein Leben, seitdem ich ein kleiner Junge war. In der Stadt, in welcher ich aufwuchs, gab es eine Menge tätowierter Menschen.
Mann nannte sie auch eine "offene" Stadt, was bedeutet das hier Menschen willkommen waren, die anderswo nicht gern gesehen waren (Ex-Knastis, Vogelfreie, Zigeuner) und die meisten davon waren stark tätowiert. Ebenso gab es auch viele Zigeuner und auch viele andere reisende Menschen, die sich hier niederließen und auch ihre handgestochenen Tattoos mitbrachten.
All diese Menschen lehrten mich Sensibilität und auch sehr früh die Kunst der handgestochenen Tattoos. Zum Beginn habe ich viele alte Tattoos kopiert, welche die Älteren trugen und in meinen Punk-Jahren dann auch meinen Freundeskreis mit den Motiven verschönert.
Hast du dich bereits vor dem Tätowieren künstlerisch betätigt?
Ich habe schon als Kind viel gemalt. Ich liebe Kunst im Allgemeinen, und zwar jede Art von Kunst. Ich bin sehr neugierig. Es war schon immer ein Zwang für mich jeden Tag irgendeine neue Art von Kunst zu verinnerlichen. Paradoxerweise war ich nie auf einer Kunstschule oder so etwas in der Art. Ich habe mir schon immer alles selber beigebracht.
Das Erste, das mir förmlich ins Auge sprang, als ich deine Tattoos das erste Mal sah, war die Verwendung von dicken und dünnen Linien und die minimalistische Motivwahl. Warum ziehst Du es vor so zu arbeiten?
Meine Tattoos repräsentieren mich und mein Leben rund um Tattoos. In den einfachen dicken Linien finden sich schon 90 Prozent des fertigen Tattoos. Ich könnte auch bei der Linie stoppen und das Tattoo würde trotzdem fertig aussehen. Früher schon und heute noch mehr. Ich glaube, das kommt hauptsächlich daher, dass die erste Tattoo-Welt, in der ich lebte, sehr einfach angelegt war, d.h. von Hand gestochen. Mit einer einfachen Linie, es gab damals keinen Weg diese zu füllen, mussten die Tattoos ihre Geschichte erzählen. Gerade das ein Tattoo nur mit ein paar Linien eine Geschichte erzählt finde ich interessant. Dies garantiert auch gleichzeitig die Haltbarkeit des Tattoos für ein ganzes Leben. Mann kann in 30 Jahren wiederkommen und man wird das Tattoo noch immer lesen können. Es war nicht leicht mich in eine Richtung zu entwickeln. Es scheint einfacher dort zu arbeiten, wo Fehler nicht mehr auffallen. Aber minimalistisch zu arbeiten bedeutet keine Fluchtmöglichkeit zu haben. Es muss perfekt sein und das war's. Man muss alles Überflüssige einer Zeichnung wegnehmen und nur die wirklich wichtigen Linien nutzen. Das ist auch immer wieder eine schöne Herausforderung für mich.
Was bedeutet ein Tattoo für Dich persönlich?
Ein Tattoo muss immer eine Geschichte erzählen. Das ist sehr wichtig in meinen Augen. Ich kann mir kein Tattoo vorstellen, welches keine Bedeutung hat. Es muss ebenso auch mit dem Körper spielen, weswegen ich auch immer direkt auf den Körper zeichne. Ich mag die Artikulation der Japaner. Das gibt dem Ganzen mehr Dynamik. Ich kann es nicht leiden, wenn Tattoos einfach nur auf die Haut gebracht werden, wie eine Briefmarke auf die Postkarte. Es muss immer leben und sich bewegen. Ich selbst arbeite nicht auf Leinwänden oder Ähnlichem, die Haut ist ja auch nicht flach und quadratisch. Der Körper ist einmalig. Eine lebende, atmende Leinwand für sich und das Tattoo muss dies weiterführen können. Es sollte nicht nur eine hübsche Gestaltung sein, sondern vor allem eine gute Anpassung an das Bestehende.
Arbeitest Du außer mit Haut auch auf anderen Medien?
Ich male und zeichne ganz gerne. Am malen mag ich die Freiheit, die man hat im Vergleich zu den Tattoos aber leider finde ich dafür immer weniger Zeit. Ich probiere mich auch in einigen Streetarts aus.
Wo hat "Art Brute" ihren Ursprung?
Der Begriff "Art Brute" kam ursprünglich aus den USA. Ich glaube wegen der minimalistischen Ausarbeitung. Meiner Meinung nach sollte man aber von "Singular Art" sprechen. Kurze Erklärung: Die "Art Brute" wie sie Jean Dubuffet definierte, galt eigentlich für Künstler, welche noch nie im Kontakt mit anderen artistischen Einflüssen standen. Deswegen kommen die meisten "Art Brute" Künstler auch aus psychiatrischen Kliniken. Eigentlich reden wir da aber von Menschen, ohne vorhergehendes künstlerisches Wissen jeglicher Art, zu denen ich mich aber nicht zähle. Ich sehe meine Kunst näher der französischen "Singular Art" Bewegung.
Welche anderen Künstler oder Künste inspirieren dich und warum?
Da gibt es viele. Ich bin sehr neugierig, weswegen ich auch eine Menge an Künsten und Künstlern interessant finde, selbst in der Tattoo-Welt.
Meine bevorzugten Richtungen sind: die frühe abstrakte Kunst (bis 1920), Singular Art, Street Art, etwas Pop-Surrealismus und ein Wenig vom ganzen Rest.
Erzählst du uns etwas über deine Verbindung zu Yann Black und warum seine Kunst so viel Einfluss auf dich hat?
Ich habe mit Lionel (Out of Step Tattoo) angefangen mit einer Maschine zu tätowieren. Er traf Yann vor ungefähr 10 Jahren und stellte uns auch sofort einander vor. Zu der Zeit fing Yann auch an, seinen eigenen Weg zu gehen. Er motivierte uns ebenfalls dazu, was man, wie ich finde, auch in unseren Arbeiten erkennen und spüren kann. Yann war sozusagen der Schlüssel, um weiter zu kommen. Das Tattoo wurde in der Zeit auch immer mehr zum Fashiontrend und ich war nicht wirklich zufrieden mit dieser Entwicklung. So wurde Yann zu einer eigenen Bewegung für uns und ich habe den größten Respekt vor seinen Arbeiten, damals wie heute. Lionel hat dann auch angefangen einen persönlicheren Stil zu entwickeln und ich kann nur sagen, dass es keine einfache Zeit war. Es gab keine Kompromisse aber es war sehr lehrreich für den Geist. Yann ist nun in Montreal, Lionel in Nantes am Reisen ...so begegnen wir uns nicht wirklich oft. Allerdings ist es immer eine große Freude wenn wir uns dann wiedersehen.
Was ist der beste Teil daran Tätowierer zu sein?
Alles. Es ist meine eine Art zu leben. Das Tätowieren gab und gibt mir noch heute die besten Momente in meinem Leben.
Wie wichtig ist Dir Kunst?
Kunst ist mein täglich Brot ... mehr kann ich dazu nicht sagen.
Welche Materialien und Geräte verwendest Du aktuell?
Momentan arbeite ich ausschließlich mir Rotary Maschinen. Ich nutze eine Swashdrive Whip, eine Swiss Rotary und gelegentlich noch eine traditionellere Micky Sharps Liner Maschine. So viel Farbe nutze ich eigentlich nicht. Zurzeit arbeite ich mit Eternal und Dermaglo für das Rot.
Hast du Erfahrungen mit Rotationsmaschinen gemacht? Was ist deine Meinung, wenn man Rotations- und Spulenmaschinen vergleicht?
Beide sind gut. Es kommt eben immer darauf an, was genau man machen möchte. Ich wechsle jetzt von Spule zu Rotation, weil ich mehr mit der Geschwindigkeit spiele als mit der Kraft. Ich muss ebenso mit dem Äußeren einer Nadel arbeiten können (außerhalb des Grips) und konnte das nicht mehr wirklich bei den Spulenmaschinen. Außerdem sind die Rotarys mehr "Regulär" und "Softer" als die Coils (Spulen) und das benötige ich für die Muster, mit denen ich gerne arbeite.
Am Ende ist es nur eine Frage der Vorliebe und des Verwendungszweckes.
Wir spüren viele Änderungen in der Technik. Es wird leichter Informationen zu erwerben und bessere Materialien in der Tattoo-Welt zu beschaffen. Wo siehst Du die positiven und negativen Aspekte dieser Entwicklung?
Ich glaube alles davon ist gut. Der negative Punkt wäre, dass nun alles vorgefertigt ist. Niemand weiß mehr was über das Löten oder den Aufbau einer Maschine. Mann muss nutzen, was einem gegeben wird und das führt einfach auch zu weniger Kreativität.
Wie gehst Du vor, sobald du die Wünsche Deiner Kunden kennst?
Normalerweise senden mir die Kunden ihre Ideen im voraus, so das ich auch genügend Zeit habe mir darüber einen Gedanken machen zu können. Ich warte aber immer erst darauf den Kunden zu sehen, bevor ich etwas zeichne. Manchmal muss es sein das ich im Vorfeld schon mal eine Skizze mache aber das ist dann eben auch nur eine Skizzierung einer Idee.
Kannst Du uns etwas über Deine Technik erzählen?
Ich zeichne immer direkt auf die Haut, weil ich es mag, wenn das Motiv wirklich auf die Person und auch zu ihr passt. Das, was ich zeichne, wird auch die finale Linienführung. Beenden tue ich das nach dem Gefühl. Das ist nicht ganz so leicht zu erklären aber die meiste Zeit habe ich schon eine Vorstellung von dem Endresultat, bevor ich anfange die Nadel in die Hand zu nehmen.
Der beste Moment für Dich als Tattoo-Künstler?
Ich bin jeden Tag wieder stolz darauf oder besser ich versuche s zumindest zu sein. Ich fange auch nie etwas an, wenn ich nicht ganz weiß, dass es mich auch ausfüllt und zufriedenstellt. Wie jeder Künstler habe ich auch Dinge, die ich bevorzuge.
Kannst Du uns einen regulären Arbeitstag von Dir beschreiben?
Sie verlaufen anders, wenn ich Frankreich oder einem Shop bin aber im Groben verlaufen sie folgendermaßen:
Ich fange meinen Tag an, indem ich meine E-Mails checke und beantworte. Gegen 10.00 Uhr fängt meine Tattoosession an. Anschließend male ich noch etwas. Die restliche Zeit ist für mich und meine Familie da.
Was ist Deine größte Schwäche und Deine größte Stärke?
Meine größte Schwäche ist, dass ich nicht "Nein" sagen kann. Meine größte Stärke ist, dass ich wirklich viel von mir abverlange. So schaffe ich es auch mal viel zu arbeiten, wenn es denn nötig ist. Manchmal sogar zu viel.
Wie lange dauert es aktuell, bis man von Dir ein Tattoo bekommt?
Mann muss ca. ein Jahr auf einen Termin bei mir warten.
Arbeitest Du derzeit auch an anderen Projekten?
Mein einziges aktuelles Projekt ist mit dem Tätowieren etwas runter zu fahren, um auch mal Zeit für anderes zu haben.
Wie hast Du deinen eigenen Stil entwickelt und welche anderen Künstler haben dich dabei beeinflusst?
Ich habe den Stil für mich selbst entwickelt aber als Inspiration kann man Einige nennen:
Picasso (welcher noch immer einer meiner Lieblingskünstler ist), Künstlergruppen wie "Les Chats Peles", Charley Harper, Jim Flora, Rex Ray, Calder, Miro, David Weidman, meine Freunde Reynald, Genneret, Arno Rood, Dada, Catherine Ursin und noch viele Andere.
Es gibt immer Leute, die neuen Dingen kritisch gegenüberstehen. Gab es einen Moment, an dem Du an Dir und Deiner Kunst gezweifelt hast?
Ja ich habe so manches mal gezweifelt aber trotzdem auch immer mein Bestes gegeben. Ich war aber auch zuversichtlich das ich auf dem richtigen Weg bin. Mit Sicherheit sind meine Tattoos nicht für jeden geeignet aber ich habe mit ihnen eine Alternative für die Menschen geschaffen, welche nicht auf die traditionellen Stile anspringen. Ich mag die Tattoos, die ich mache und es gibt nix Besseres als die Genugtuung eine Arbeit gut gemacht zu haben, um auch den letzten Zweifel zu beseitigen.
NOON
Web:
www.boucherie-traditionnelle.com
E-Mail:
noon.bt@free.fr
Interviewt von: Tattoo Soul