

Georges Simenon
Maigret und der faule Dieb


|
|
|
 |
Sämtliche Maigret-Romane. Band 57.
Diogenes Verlag
"Maigret und der faule Dieb" ist einer der besten und traurigsten Maigret-Romane. Der ganze Band ist geprägt von Schwermut. Kommissar Maigret hat auch allen Grund schwermütig zu sein. Er ist unzufrieden. Alles verändert sich. Die Zeiten werden härter – und nach Kommissar Maigret auch unschöner. Die Justiz ist mehr und mehr durch Eigennutz und Politik bestimmt. Die Polizei ist nur noch Instrument dafür – genau wie Maigret.
Maigret äußert sich gegenübers einem alten Arztfreund Pardon sehr kritisch über seine Aufgabe als Polizist: "In Wirklichkeit besteht aber unsere Hauptaufgabe darin, zu erst einmal den Staat und die amtierende Regierung sowie die Institutionen zu schützen, außerdem das Kapital, das öffentliche und das Privateigentum, und dann ganz zum Schluss erst das Leben jedes einzelnen Bürgers ..."
Als ein alter Bekannter von ihm, der Einbrecher Fumel, ermordet wird, muss er ermitteln. Maigret fühlt sich ihm verwandt. Denn er ist wie Maigret. Fast ein Relikt aus einer anderen, ehrlicheren und vielleicht auch menschlicheren Zeit.
"Maigret und der faule Dieb" lässt sich als Parabel auf Bankenkrise, allgegenwärtige Korruption, einen scheinbar demokratischen Sumpf und die Unmenschlichkeit der Institutionen lesen. Damit ist er besonders aktuell. Liest man diesen Band einfach als Krimi, bleibt es bei einer schwermütig-spannenden Unterhaltung von ungewöhnlicher Tiefe. Man wird "Maigret und der faule Dieb" nicht so bald aus der Hand legen können.
Igor Eberhard
Bewertung: 10 Punkte

         
|


Carey Hart (Autor), Chris Palmer (Autor), Bill Thomas (Fotograf)
Inked: Tattoos und ihre Geschichten


|


|
 |
Ullmann/Tandem Verlag
144 Seiten
Inked ist ein weiteres Produkt der medialen Verwertungskette des amerikanischen Tattoo Studios und TV-Stars von Hart & Huntington. In dem Buch werden Typen und Stories aus dem Studioleben von Hart & Huntington vorgestellt.
Das hört sich erstmal nur mittelmäßig interessant an, aber Fotos und Aufmachung sind hochwertig und für 19,95,- € ist das Buch ein Schnäppchen, das sich gut im Bücherregal macht.
Lead
Bewertung: 6 Punkte

         
|


Ingrid Law
Schimmer


|


|
 |
aus dem Englischen von Sylke Hachmeister
ca. 224 Seiten
Alle in Mibs Beaumont Familie haben einen besondere Gabe, den Schimmer. Sie bekommen ihn immer am dreizehnten Geburtstag und da jetzt der dreizehnte Geburtstag von Mibs naht, warten alle mit Neugierde darauf zu erfahren, was für einen Schimmer Mibs bekommen wird. Gleichzeitig werden auch alle Vorbereitungen und Vorsichtsmaßnahmen getroffen, denn sollte Mibs einen gewaltigen Schimmer bekommen, könnte das nicht nur für sie, sondern auch für viele andere gefährlich werden. So geschah, als Mibs Bruder Fish dreizehn wurde. Sein Schimmer war so gewaltig, dass er an seinem dreizehnten Geburtstag einen der heftigsten Hurrikane in der Geschichte des Landes verursachte. Denn Fish’ Schimmer ist es, dass, sind seine Gefühle in Aufruhr, sich graue Wolken zusammenziehen, der Wind auffrischt und es beginnt zu regnen. Der älteste der Beaumonts Kinder, Rocket, steht im wörtlichen Sinn unter Strom; so sehr, dass seine bloße Anwesenheit in einem Raum die Glühbirnen zum Platzen bringt oder er durch die Funken aus seinen Händen ein Auto kurzschließen kann. Und nun ist Mibs dran.
Zwei Tage vor dem großen Tag, verunglückt Mibs Vater und wird in ein Krankenhaus gebracht, wo er im Koma liegt. Ihre Mutter und Rocket fahren zu ihm, und es sieht so aus, als ob die Geburtstagsfeier ins Wasser fallen würde. Doch dann taucht die Pastorenfrau auf, übernimmt kurzerhand das Kommando im Haus und beschließt eine große Geburtstagsfeier in der Kirche auszurichten. Das wird zu einer Katastrophe. Mibs, die nur den Wunsch hat, zu ihrem Vater ins Krankenhaus zu fahren, denn sie glaubt, kraft ihres Schimmers könnte sie ihn erwecken, schleicht sich davon und versteckt sich in einem rosa Bus mit dem ein Bibelverkäufer unterwegs ist und der aus der Stadt kommt, wo Mibs Vater im Krankenhaus liegt. In dem Durcheinander der verunglückten Feier finden noch vier weitere Kinder den Weg in den Bus. Eine Reise beginnt, die sie alle verändern wird.
Als der Bus losfährt, stellen die Kinder fest, er fährt nicht zurück in die Stadt, sondern von ihr weg. Während der unfreiwilligen Odyssee entdeckt Mibs, dass ihr die Tätowierungen die Gedanken und Gefühle der Menschen verraten. Das ist ihr Schimmer. Sobald ein wenig Tinte auf oder in die Haut kommt, hört sie die Gedanken des Menschen, der die Tätowierung trägt und erfährt so seine Geheimnisse. Diese Entdeckung bringt sie durcheinander, denn plötzlich hört sie Stimmen zu denen es keine realen Menschen gibt. Sie erfährt unfreiwillig Dinge, die sie gar nicht wissen möchte. Ein Supergau ist es, wenn sie eines Abends in eine Bar am Highway kommen, die voll mit tätowierten Bikern ist. Der Stimmensturm in Mibs Kopf macht sie benommen und die einzige Rettung ist die Flucht in einen abgeschiedenen Raum.
Am Ende der Reise, während der Mibs nicht nur ihren Schimmer entdeckt, sondern auch etwas über Liebe, Freundschaft und das Erwachsenwerden erfährt, gelangt sie doch in das Krankenhaus, wo ihr Vater liegt. Er hat auch eine Tätowierung. Eine kleine Meerjungfrau, die er sich hat machen lassen zu der Zeit, als er in der Navy war. Die kleine Meerjungfrau scheint genauso leblos zu sein wie der Vater. Ganz traurig und schlapp.
"Wir sind genauso wie alle anderen Leute. Wir werden geboren, und irgendwann später sterben wir. Und in der Zwischenzeit sind wir glücklich und traurig, wir empfinden Liebe und Angst, wir essen und schlafen und wir haben Schmerzen wie alle anderen." Das antworten die Beaumonts immer, wenn sie nach den Besonderheiten ihrer Familie gefragt werden. Denn auch diejenigen, die sich für normal halten, etwas auf eine ganz besondere Weise machen. Das ist dann derer Schimmer. Denn alle sind wie alle anderen - etwas ganz Besonderes.
Diese Geschichte erzählt Ingrid Law in ihrem Debütbuch "Schimmer". Und sie erzählt sie auf eine leichte, angenehme Art und Weise, die es einem selbst ermöglicht, sich in die Zeit zurückzudenken, als man vor dem Aufbruch in das Erwachsensein stand. Es ist etwas in dem Fluss der Worte, was mich sogleich an die Geschichten denken ließ, die ich als Kind gelesen habe. Da ist vor allem der Zauberer von Oz und Dorothy, die zurück zu ihren Onkel und Tante nach Kansas möchte. Das Motiv der Reise, der Passage, das so oft auch in Märchen auftaucht, um den Übergang vom Kindsein ins Erwachsenwerden zu markieren, kommt auch hier vor. Auch dass die Hauptfiguren so was wie magische Fähigkeiten besitzen, erinnert an Märchen- und Fantasyliteratur, nur eben mit dem Unterschied, dass sie nicht in einer Sonder- oder Parallelwelt abtauchen. Denn Schimmer ist weder Krankheit noch Hexerei oder Zauberwerk sondern eine besondere Art Wissens, die zu einem gehört wie die Farbe seiner Augen. Ganz viele Menschen, die sich für gewöhnlich halten, hätten auch solch eine besondere Art von Wissen, nur würden die meisten es nicht erkennen. Manche werden als Genies bezeichnet und besondere Fertigkeiten entwickeln. Andere wissen, dass sie anders empfinden, aber sie wissen nicht woran es liegt. Schimmer ist Metapher für die Sonderheiten, die jeder von uns Mal mehr Mal weniger hat und der einzige Unterschied zwischen den Beaumonts und den anderen bestünde darin, dass sie dafür einen Namen haben und dass es einen ziemlich genauen Zeitpunkt gibt, an dem sich diese Fähigkeiten manifestieren.
"Schimmer" vermittelt eine zutiefst humanistische Haltung, das jeder unabhängig seiner Sonderheiten oder gar Nichtigkeiten, Menschen findet, denen das nicht zum Anlass für Ausgrenzung wird, sondern für die es keine Rolle spielt und die einen gern haben, so wie er ist, oder gar ihn so lieben können. Und dann sind noch so viele wunderbare Motive wie der rosa Bibelbus, von dem die Farbe abblättert und an dessen Lenker der unglückliche Verkäufer, Laster Swan, sitzt und versucht die rosa Bibeln unters Volk zu bringen. Oder Verandaschaukel, die zu jedem Haus mit Veranda selbstverständlich dazu gehört. Die Schaukel als Ort, an dem der Tag ausklingt und die Seele zur Ruhe kommt. Und selbstverständlich auch das Motiv, das die Zeichen auf der Haut Pforten zur Seele sind. Hier findet in meinen Augen eine interessante Änderung statt, denn geläufig werden die Augen für die Pforten zum Inneren des Menschen gehalten. Es ist ein wunderbares Buch, das so endet wie es begonnen hat – ganz selbstverständlich, ohne Wunder eines Happy Ends und ohne das Versprechen einer Fortsetzung.
agata
Bewertung: 10 Punkte

         
|


Dian Hanson
The Big Book of Legs


|


|
 |
388 Seiten
Taschen
Es war an einem Sonntag. Ein guter Freund und ich verbrachten den einsamsten aller Tage wieder ein Mal in der Lounge der Austernbar im Hauptbahnhof. Unsere Augen konnten einerseits das Panorama des Regierungsviertels und andererseits das Kommen und Gehen im Inneren des Bahnhofs überschauen. Es war mal wieder eine der melancholischen Stunden, wo man so gern über Gott, Leben und Liebe spricht, als mein Freund mich unvermittelt fragte, ob ich wüsste, welcher Teil des weiblichen Körpers am erotischsten sei. Da ich zugegebenermaßen weder den eigenen noch einen anderen weiblichen Körper unter diesem Aspekt betrachtet habe, fiel mir die Antwort schwer. Mein Freund sagte: "die Beine" Er habe viel mit anderen, auch mit den größten Couturiers heutiger Zeit, darüber gesprochen und sie waren sich alle einig - es sind die Beine, aber nicht die der Models, weil sie viel zu dürr wären; es müsse ein volles, leicht untrainiertes Bein sein - wegen des Schwungbogens der Wade, der sanft in die Kuhle über der Ferse übergehe..." So wie dieser? " fragte ich meinen Freund und stellte mein rechtes schwarzbestrümpftes Bein auf einen nahe stehenden Stuhl. Was dann folgte, war ein entzückt entrückter Blick meines Freundes und sein langes, andächtiges Schweigen.
Die endgültige Befreiung des weiblichen Körpers vom Korsett und die Enthüllung der Beine sind für Frauen ein emanzipatorischer Akt. Genauso wie die Verbrennungen von BHs, High Heels oder Lippenstifte in den späten 60ern des letzten Jahrhunderts war das Ablegen von Korsetts und das Tragen von Hosen und kurzen Röcken seit der Suffragettenbewegung zur Zeit der Königin Viktoria ein politisches Statement in der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter. Dass dies in einer Zeit, wo selbst das Wort Bein als vulgär angesehen wurde nicht ohne moralische Entrüstung einherging, versteht sich von alleine. Es galt doch damals als allgemein anerkannte Meinung, dass Frauen, die ihre Beine in Hosen steckten, aufmüpfig, sexuell lasziv seien und womöglich zu Lesben werden, selbst dann wenn die Hosen mit Spitzen verziert und unter einem Rock verschwanden. Frauen die Hosen trugen, wurde vorgeworfen, sie würden die Geschlechtergrenzen verletzten. Frauenbeine werden so als Bedrohung moralischer Ordnung angesehen, weil sie zum Symbol weiblicher Unabhängigkeit werden. Denn die vielen Lagen von Röcken und Unterröcken, die die Frauen zu tragen hatten, hatten nicht nur die Funktion, die Beine vor Kälte zu schützen und sie zu verbergen, sondern sie auch zu bändigen, sie und somit auch die Frauen immobiler zu machen. Das kam einem unbewussten Eingeständnis gleich, dass das Leben von Männern erstrebenswerter sei, als das der Frauen, was die Avantgarde der Frauenbewegung noch erpichter darauf machte, dass weibliche Bein zu befreien. Dabei erfuhr sie Hilfe von einem simplen Transportmittel - dem Fahrrad. Neugierig wie sie nun mal sind, erobern Frauen für sich das Rad, wodurch sich die Frauensportkleidung durchsetzte, die die Frauenbeine bis dahin ungewohnt freizügig zur Schau stellte.
Ein ungewolltes Resultat all dieser Diskussionen war die Entfaltung zahlreichen Männerphantasien rund um die weiblichen Beine und mit ihnen vermehrten sich auch die Ideen, wie man diese geschäftlich ausbeuten könnte. Als ab 1915 die Rocksäume immer kurzer wurden, wurden Frauenbeine zu dem populärsten Objekt dessen, was zu dieser Zeit als Pornografie galt. In den 30ern Jahren kamen dann die Magazine auf, die sich ausschließlich dem Beim widmeten. Und während des zweiten Weltkrieges kam eine ganze Palette von so genannten patriotischen Pin-up Magazinen auf den Markt mit dem markantesten Symbol der Pin-up ära - den Million Dollar Beinen von Betty Grable. Als dann noch in den 40ern Jahren der Comicstrip von John Willie "Sweet Gwendoline" erschien war der Weg für "Bizarre", dem berüchtigtsten Fetischmagazin, offen. Bereits in dem Comicstrip sind die späteren Haupthemen von "Bizzare" umrissen: Bondage und Züchtigung, wobei es interessanterweise die Unterscheidung zwischen den Gepeinigten und Peinigern durch einen machtvollen Fetisch visuell kenntlich gemacht wird. John Willie unterschied die guten und die bösen Mädchen mittels hochhakigen Schuhwerks - die devoten trugen Pumps und die dominanten eng anliegenden, kniehohen Stiefeln. Damit wird die Verbindung zwischen Frauenbeinen und sexuellen Macht gezogen. Bei Willie werden die Beine durch Kleidung und Pose der Models zu Stiletten und wirken dadurch zugleich anziehend und bedrohlich.
Solche und ähnliche Geschichten rund um das weibliche Bein werden von Dian Hanson in dem "Big Book Of Legs" erzählt. Es ist der dritte Teil einer Serie über die erotischen Körperzonen, die vom Taschen-Verlag herausgegeben wird. Schon im Titel trägt das Band den Beinamen "Big", dementsprechend ist es groß und schwer geworden. Auf rund vierhundert Seiten umspannt die Autorin die Zeit vom ausgehenden 19.Jh. bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dabei werden ihre Ausführungen von zahlreichen Abbildungen meist namenloser Models begleitet, die oft nur mit Pumps, Nylons oder Strapsen bekleidet sind. Beachtenswert sind die teilweise akrobatischen Leistungen, die die Mädchen im Dienste der Fotografie zustande brachten. Rührend wirken dagegen die Fotografien aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht ist es die Anmutung einer Zeit, in der sich noch alles am Anfang befindet, die diese nostalgische Rührung hervorruft. Andererseits ist es auch erstaunlich, wie wenig sich die visuellen Codes seit dem verändert haben, denn die Bilder der späteren Dekaden die bereits damals formulierten Sujets aufgreifen und sie nur wenig verändern. Die Masse der Bilder in einer schier unendlichen Wiederholung macht müde. Sie verhindert, dass die der Bilderauswahl zu Grunde liegende Intention erkannt wird und lässt das Besondere vermissen. Doch wer weiß, es ist vielleicht ein Buch, das in erster Linie nicht zur Erweiterung des Wissenshorizontes gemacht worden ist. So wird mir wohl für immer das Geheimnis des entzückt entrückten Blickes meines Freundes aus der Austernbar und seines langen, andächtigen Schweigens für immer verborgen bleiben.
In diesem Sinne auf bald...
agata
Bewertung: 7 Punkte

         
|


Gabriel Loidolt
Yakuza


|
|
 |
160 Seiten
Deutscher Taschenbuch Verlag
Leads Tätowiererin behauptet ja, das Lead so schwer zu tätowieren sei, weil er immer so viele Sachen beim Inken erzählen und auch immer lachen würde, so dass er immer viel zu viel wackeln würde, um sauber zu arbeiten.
Lead weist das natürlich zurück, ist er doch neben dem Dalai Lama einer der ausgeglichesten und ruhigsten Menschen der Welt.
Da er aber auch kritikfähig ist, nahm er sich vor, den nächsten Termin zur Weiterführung seines Rückenbildes dazu zu nutzen, diesen üblen Vorurteilen über seine Unruhe entgegen zu treten.
Und so nahm er ein paar beruhigende Dinge in Kauf und in den Körper und las zu dem in Gabriel Loidolts Buch "Yakuza".
Der Bezug zum Thema Yakuza ist gering. Es geht in der Erzählung vor allem um Japan, das europäische Verständnis des Landes und um das Verhältnis von Künstler zu seinem Modell.
Dabei ist die Geschichte schnell erzählt, eine junge Frau aus Sibirien, die sich im Westen einem reichen Mann hin gibt, lässt sich von einem alten Tätowierer, dessen Gesicht durch eine üble Verletzung ver(un)ziert ist, eine Tätowierung auf den Rücken tätowieren.
Ungewöhnlich dabei: die junge Frau bringt zu jedem Termin nur ein Teil der Vorlage ihres Tattoos mit, so dass der Tätowierer, ebenso wie der Leser, bis zuletzt rätseln kann, was den Rücken der Frau denn nun eigentlich verschönern soll.
Frau und Mann kommen sich während des Prozesses der Tätowierung näher und dringen in die Geheimnisse ihres Gegenübers ein.
Das Schöne an dem vorliegenden Buch ist aber weniger die Geschichte und die Einblicke, die uns der alte Tätowierer in seine Kunst und seine Ausbildung in Japan gewährt, sondern die Art und Weise, wie uns der Autor dies näher bringt.
Es hat etwas kalligrafisches, wie Loidolt seine Wörter wählt und sie zu einfachen und kraftvollen Sätzen reiht.
Lead war begeistert und kann das Buch gerade auch für den Urlaub demjenigen empfehlen, der es auch etwas ruhiger mag.
Und angeblich wirkte sich die Lektüre auch beruhigend auf Lead aus, sagte zumindest seine Tätowiererin. Was natürlich Unsinn ist, wissen wir doch alle, dass Lead schon vom Hause aus einer der ruhigsten Menschen der Welt ist.
Lead
Bewertung: 7 Punkte

         
|


Horimasa


|
|
 |
Gonimeko Press, ein Verlag, der sich auf Verlegen von Tattoo Kunstbüchern spezialisiert, veröffentlichte soeben ein Band mit Arbeiten von Horimasa, eines der großen Tebori Meisters.
Den Anfang des Projektes bildete eine Kiste mit losen Blättern, die Horimasa dem Verleger zuschickte. Schon bei der ersten Durchsicht der Blätter kamen der Verleger und seine Lektoren nicht aus dem Staunen. Die Linien der Zeichnungen waren unheimlich präzise und die Farben leuchtend und brilliant. Man sah es, dass Horimasa die Arbeiten der Meister des traditionellen ukiyo-e Holzschnittes studiert haben musste. Doch seine Zeichnungen sind nicht bloße Kopien der tradierten Werke oder Aufarbeitung der Symbolik von Kuniyoshi oder von Kyosai. Horimasa zeigt einen frischeren und von den Vorbildern abweichenden Stil, dessen Referenz in der traditionellen japanischen Ikonographie zu suchen ist. Das Buch beinhaltet Skizzen, farbige Zeichnungen und einige Fotos seiner Tattooarbeiten. Großformatig, beinhaltet es jeweils eine Seite ein Bild, so dass dass Studium der Details ein unermäßliches Vergnügen bereitet.
www.gominekobooks.com
agat a
|


Phil Padwe
Mami hat ein Tattoo


|



|
 |
Alles beginnt mit einem Geheimnis, den Sarah, die Schwester von Jakob, ihm verrät. Mama hat ein Tattoo. Nur die Frage ist wo und ob das überhaupt stimmt. Die kleinen Jungen wissen bereits sehr früh, bei Mädchen müsse Mann sich in Acht nehmen. Und dann gibt es noch diesen neuen Nachbarn und seinen großen Hund. Der Mann ist unheimlich und Jakob fürchtet sich vor ihm, denn seine Arme sind bunt tätowiert. Hat etwa auch der große Hund ein Tattoo?
So beginnt die Geschichte, die von Phil Padwe in seinem liebenswerten Buch "Mami hat Tattoo" erzählt wird. Phil Padwe lebt in New York, ist Web Design Manager, Graphiker, Photoshopexperte und selbstverständlich tätowiert. Er kennt also die Fürcht und die Neugierde der anderen aus eigener Erfahrung in einem Land, wo Prediger unterschiedlicher Kirchen ewige Verdammnis denjenigen verkünden, die ihren Leib tätowieren lassen. Am Ende der Geschichte gibt es ein gutes Ende. Der neue Nachbar und sein Hund erweisen sich als etwas, wovor man sich nicht fürchten muss und Jakob kann sogar das Tattoo von seiner Mama streicheln.
Obschon der Verleger dieses Buch als Vorlesebuch für Kinder jeden Alters sehen möchte, würde ich das aufgrund meiner Erfahrung auf den Kindergarten und die ersten Klassen der Grundschule einschränken. Sind die Kinder etwas größer, ist die Geschichte schnell gelesen und bietet nicht genug Spannung. Außerdem ist es sehr zu empfehlen zusammen mit dem Buch auch das dazugehörige Malbuch mit Tattoomotiven (auch von Phil Padwe) zu besorgen, denn Verstehen kommt vom Begreifen und Begreifen ist mit Greifen verwandt. Will man also etwas wirklich Kennenlenren und Verstehen sollte man es am besten mit eigenen Händen tun. Diese alte schöne Wahrheit Hat Phil Padwe in seinen Büchern aufs Beste verinnerlicht.
www.philpadwe.com
www.wildcat.de
agat a
|


Anne Hahn/Frank Willmann
Satan, kannst du mir noch einmal verzeihen. Otze Ehrlich, Schleimkeim und der ganze
Rest


|


|
 |
Ventil Verlag
175 Seiten
Einige Bücher wurden über Punk in der DDR verfasst. Viel ist dokumentiert und erfasst. Eine Lücke wird durch die Biografie über Dieter "Otze" Ehrlich, Mastermind, Sänger und Allround-Musiker von SCHLEIMKEIM geschlossen.
Die Erfurter SCHLEIMKEIM waren mit CREEPERS, FEELING B, den MADMANS und WUTANFALL eine der einflussreichsten DDR-Punkbands. Die erste auf Vinyl gepresste Veröffentlichung einer DDR-Punk-Band überhaupt wurde1983 auf einem westdeutschen Splitsampler mit SCHLEIMKEIM und ZWITSCHERMASCHINE gemeinsam veröffentlicht. SCHLEIMKEIM waren wechselnde Musiker und - Otze Ehrlich.
Otze war der Leitwolf. Er hat gelogen, betrogen, gestohlen, gesoffen und sich mit Drogen ruiniert. Doch er hat auch Andere mit sich gerissen, die Band bekannt gemacht und dafür einen hohen Preis gezahlt.
Schon auf Grund der Veröffentlichung dieses Splitalbums mit ZWITSCHERMASCHINE, von dem er bis zu seinem Tod selbst nur ein einziges Exemplar besaß, musste er bis 1989 regelmäßig in den Knast. Auch die Stasi verfolgte Otze ständig; zum Teil war er selbst wohl kurzzeitig als Informant tätig. Abgesehen von der Verfolgung von Otze und Kumpels durch das Ministerium für Staatssicherheit und der konsequenten Unterwanderung der Alternativ- und Kirchenszene war er immer auf der Suche nach Freiheit in irgendeiner Form: Sei es in Gewalt, in Drogenexzessen oder eben in der Musik. In letzter Konsequenz führte dieser Wunsch im Mord an seinem Vater und seinem fragwürdigen Tod in der Irrenanstalt.
Die vorliegende Biografie von Anne Hahn und Frank Willmann "Satan, kannst du mir noch einmal verzeihen. Otze Ehrlich, Schleimkeim und der ganze Rest" bemüht sich das Leben von Dieter Ehrlich möglichst vollständig zu beschreiben. Das Buch besteht aus einer Biografie, in die Stasi-Berichte eingearbeitet wurden, aus vielen Zeitzeugen-Berichten und zwei Interviews bzw. Interviewteilen mit SCHLEIMKEIM und Otze. Darunter das letzte Interview überhaupt mit ihm. Der Band wird durch eine Diskografie, ein Glossar und zahlreichen Fotos erweitert. Einige der Fotografien stammen aus den Akten der Stasi und wurden bei Hausdurchsuchungen bei Otze Ehrlich aufgenommen. "Satan, kannst du mir noch einmal verzeihen" ist eine erschreckende, faszinierende, manchmal auch abstoßende Lektüre.
Es spiegelt das Leben von Ehrlich und der DDR-Punkszene in einer graumaschigen Umgebung und einer enggeistigen paranoiden Gesellschaft wider. Die Biografie ist wie Dieter "Otze" Ehrlich selbst: widersprüchlich, fragmentiert und spannend.
Igor Eberhard
Bewertung: 9 Punkte

         
|


Ross Thomas
Teufels Küche


|


|
 |
Alexander Verlag Berlin
Wenn Bücher Feuer legen könnten, wären die Bücher von Ross Thomas wahre Brandstifter. Verkauft werden die Bücher als Kriminalromane, in Wahrheit sind es bitterböse, analytische Horrortrips in unser Selbst. Jörg Fauser beschrieb es einmal als "demokratischen Realismus": Jeder hat sein Recht auf die beschissene Realität. Zumeist spielen die Thriller von Thomas im Milieu von Politik und Geld.
Das hat seinen Grund darin, dass er weiß wovon er schreibt: Er selbst war PR- und Wahlkampfberater für hochrangige Politiker, Journalist und Gewerkschaftssprecher in den USA und in Nigeria. Das macht die Welt nicht schöner, aber seine Bücher realistischer.
In "Teufels Küche" geht es um Kannibalismus, rechte Putschversuche, Paranoia. Skandaljournalismus und Drogen. Im Original wurde das Buch schon 1983 veröffentlicht. Jetzt wurde "In Teufels Küche" in neuer, sorgfältiger Übersetzung herausgebracht. Der Thriller ist wie ein Stück Fleisch, von dem man weiß, dass es sich in den Zähnen festsetzt und einen bitteren Nachgeschmack hat. Dennoch kaut man weiter und weiter und weiter.
Igor Eberhard
Bewertung: 9,5 Punkte

         
|


Eric Stanton
The Dominant Wives And Other Stories


|


|
 |
Taschen Verlag
Irgendjemand bezeichnete Eric Stanton einmal als den "Rembrandt der Pulp-Kultur". Das kann man halten wie man will. Sein Einfluss ist wahrscheinlich vergleichbar. Nur sind Eric Stantons Bilder etwas ... deutlicher und der sogenannten "Perversion" in vielen Varianten nicht gerade abgeneigt. Stanton war bevor er Comics und Illustrationen zu zeichnen begann angeblich Messerwerfer in New York. Später dann produzierte er auch Fetisch-Wrestling-Videos und Anderes. Seine Neigung sich sexuell zu unterwerfen, zelebrierte er auch öffentlich.
Seine Comics sind Fetischvisionen, sind fleischgewordene Abbilder feuchter Männer- und Frauenträume: Starke, selbstbewusste Frauen in High Heels, die ihre Sexualität in vielen Formen ausleben. Meistens auf Kosten ihrer Männer. Diese wehrlosen Geschöpfe werden gedemütigt, verlost, gefesselt, müssen an Höschen schnüffeln, werden vernascht und nicht selten sogar verprügelt. Nie subtil, immer erotisch.
Zum 25jährigen Jubiläum hat der Taschen Verlag eine Sonderausgabe mit den wichtigsten Werken Stantons herausgebracht.
Igor Eberhard
Bewertung: 10 Punkte

         
|


Daniel Schweizer
White Terror


|


|
 |
2 DVD Special Edition
Sunny Bastards
Schauriger und angsterregender als jeder Horrorfilm ist die Dokumentation "White Terror". Und sie ist keine Fiktion.
Daniel Schweizer ist unter anderem der Regisseur von "Skinhead Attitude". Mit "White Terror" beendet er seine Triologie zu diesem Thema. In dieser Dokumentation geht es um das internationale Netzwerk von Neonazis, Rechtsextremistischen Parteien bis hin zur kranken "White Power"-Bewegung und deren (neo-) nationalsozialistischen Background. Ausgehend vom Musikunderground und den "Do It Yourself"-Strukturen dieser Szene beleuchtet er diese weltweiten Netzwerke.
Schweizer konnte für seine Dokumentation nicht nur diverse Neonazi-Kundgebungen und -Aufmärsche besuchen, sondern auch bei privaten Feiern und Geheimtreffen filmen.
Schaurig und sehr Furcht einflößend ist "White Terror". Diese DVD sollte man dennoch gesehen haben. Vergessen wird man sie nicht.
"White Terror" ist in deutsch, englisch und französisch, zum Teil mit Untertiteln. Dazu gibt es eine Bonus-DVD mit über 2 Stunden Hintergrundmaterial, weiteren Reportagen.
Igor Frost
Bewertung: 9,5 Punkte

         
|


Bis ich dich finde
John Irving


|
|
 |
John Irving gehörte zu meinen favorisierten Schreibern und so tappe ich natürlich auch in die Falle der John-Irving-Fanatics, die jedes neue seiner Bücher an den großen Klassikern misst und die Frage erörtert, ob denn nun "Bis ich Dich finde" die schreiberische Talsohle von "Zirkuskind" und "Die vierte Hand" überwunden hat und an die großen Bücher "Owen Meany "oder "Gottes Werk und Teufels Beitrag" heranreicht.
So geht das natürlich nicht.
Es geht um die Geschichte des Jack Burns. Jack´s Mutter Alice ist eine Tätowiererin, sein Vater, William, ein Organist (das sind die Jungs, die eine Orgel statt einer E-Gitarre mit sich herumschleppen), der - einem Schmetterling gleich - von Kirche zu Kirche, oder besser: von Orgel zu Orgel reist und neben seinen musikalischen Aufgaben schon mal das eine oder andere Mädel aus dem Kirchenumkreis flachlegt, um danach schnell das Weite zu suchen.
Diese Umtriebigkeit zwingt William Burns von einem Ort zum anderen. Und an jedem Ort spielt der Organist erst an der Orgel und dann an den Mädchen und lässt sich, wie ein Notenblatt, immer wieder tätowieren. Bis seine Arbeitgeber ihn wieder davonjagen. Und dieser Spur der ungewollten Schwangerschaften folgt Alice, ihres Zeichens Tätowiererin, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land und von Tattoo-Studio zu Tattoo-Studio.
Natürlich habe ich mir die vielen Passagen des Buches in Studios und über Tätowierer besonders vorgenommen. Und diese Teile sind gut beschrieben. Wie ich anlässlich der Amsterdamer Tattoo Convention vor Ort überprüfen konnte, Alice verbringt mit ihrem Sohn einige Zeit in einem Studio im Rotlichtbezirk von Amsterdam.
John Irving recherchiert genau und geht bei seinen Beobachtungen in die Tiefe und ins Detail. Interessante Ansichten und Einblicke aus der Tattoowelt bieten sich dem interessierten Leser und doch...
Und doch fehlt etwas. Der letzte Zugang, den sonst die Bücher John Irvings ausmachen, fehlt. Man liest die Beschreibungen und kleinen Geschichten rund um das Tätowieren und doch: es fehlt das Surren der Nadeln. Es ist - und das kann natürlich kein wirklicher Vorwurf sein - die Beschreibung eines erfolgreichen Schriftstellers, der in seiner Villa im Eames Sessel sitzt, während seine hübschen Assistentinnen professionell und unaufgeregt ihrem Tagewerk nachgehen, der aber kein Zugang zu einer, ihm fremden, Subkultur findet.
Also anders: 1.140 Seiten sind sehr viele Seiten, besonders hintereinander. Und John Irving ist ein großer Erzähler vor dem Herrn, aber 600 Buchseiten hätten es auch getan, so manche Passage des Buches verfügt über den gefühlten doppelten Umfang.
Für John Irving Fans ein Muss (und ja, das Buch ist besser als die "Vierte Hand", schlechter als Owen Meany und ungefähr auf der Höhe des Wassertrinkes), für welche, die es noch werden wollen, ist es nur geeignet, wenn sie viel Zeit totschlagen müssen.
Bewertung: 6 Punkte

         
Dieses Buch jetzt bei amazon.de bestellen
|


Metallica im Bildband
Der Fotograf und die wilden Kerle


|
|
 |
Die meisten von uns sind wohl in irgendeiner Form mit der Musik von METALLICA aufgewachsen. Die einen haben sie vergöttert, die anderen haben TAKE THAT! gehört (ich selbst bin eher bei SAMANTHA FOX hängen geblieben, da war wohl der Brutkasten schuld.) METALLICA spielen Metal und Hardrock und wie oft die Band dafür Grammys, Platinalben oder sonstige Auszeichnungen eingeheimst hat, danach kräht kein Hahn. Umstrittener sind die Musiker jedoch, wegen ihres Vorgehens gegen Napster und andere Musiktauschbörsen. Doch darum soll es hier nicht gehen. Der Bildband von Ross Halfin "Metallica" widmet sich vor allem den früheren Jahren dieser Gruppe.
In diesem wunderschönen Bildband hat der britische Starfotograf viele, viele weitgehend farbige Fotografien der Musiker aus den Jahren 1983-1996 versammelt. Für alle METALLICA-Fans ist wahrscheinlich besonders wichtig, dass dies zum Teil noch die Zeit war, als der Bassist Clifford Lee Burton noch lebte. Ihm und seiner Ära ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Halfin begleitete die Band auf vielen Touren, unter anderem auf der "Damaged Justice"-Tour in Japan und der "Wherever We May Roam"-Tour.
Im Buch sind nicht nur zahlreiche, atemberaubende Konzertfotos, sondern auch Bilder aus dem Backstagebereich oder mit Fans abgedruckt. Zusätzlich machte der Fotograf verschiedene Fotoshootings mit den einzelnen Bandmitgliedern, etwa auf einem Gletscher, auf einem Flugzeugträger oder bei einer Spagetti-"Wäsche" (nein, kein Western, Wäsche!) mit den einzelnen Bandmitgliedern. Den vier Metallicas James Hetfield, Lars Ulrich, Kirk Hammett und Jason Newsted ist im Buch jeweils ein eigenes Kapitel mit Fotografien aus fast fünfzehn Jahren gewidmet.
Ross Halfins METALLICA-Bildband ist gelungen. Die Bilder bestehen aus einer faszinierenden Mischung aus Schnappschüssen und eigenwilligen fotografischen Kompositionen. Jedem Fan kann dieser Band ans Herz gelegt werden, jedoch bei weitem nicht nur diesen.
Igor Eberhard
Bewertung: 9 Punkte

         
Metallica
Fotografien von Ross Halfin
Mit einem Vorwort von Kirk Hammett
Schwarzkopf und Schwarzkopf
Großformat, ca. 280 Seiten, ca. 500 farbige Abbildungen
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de
Dieses Buch jetzt bei amazon.de bestellen
|


Susanna Moore
Lichtjahre oder Ein Mädchen auf Hawaii


|
|
 |
marebuchverlag. Hamburg 2006.
192 Seiten. SBN 978-3-936384-28-4
Susanna Moore ist eine bekannte Schriftstellerin. Ihr bekanntester Roman "In the Cut" (deutsch: "Der Aufschneider") ist ein Pathologen-Thriller, geschrieben mit sprachlicher Eleganz und fundiertem Fachwissen, der weltweit großes Aufsehen erregt hat. Mir persönlich hat er meine Grenzen des Grauens deutlich dargelegt. Ich werde diesen Roman bestimmt nicht mehr vergessen. Dieser Bestseller wurde sogar von Jane Campion mit Meg Ryan und Jennifer Jason Leigh verfilmt.
Berühmt wurde sie jedoch schon früher. Ihre auf Hawai’i spielende Romantrilogie "My Old Sweetheart", "The Whiteness of Bones", "Sleeping Beauties" (auf Deutsch: "Abschied vom Haifischgott", "Die unzuverlässigste Sache der Welt" und "Inselmusik") mit Familiengeschichten ermöglichten ihr als freie Schriftstellerin zu leben.
Susanna Moore hatte ihre Kindheit auf Hawai’i verbracht. Mit 18 Jahren verließ sie die Inselgruppe, um als Model und Schauspielerin zu leben. In ihren Hawai’i-Romanen kehrte sie jedoch immer wieder zu der Welt dieser Inseln zurück und tauchte erneut ein in ihre Kindheit und die hawaianische Kultur und Mythologie ein. In ihrem Memoire "I Myself Have Seen It: The Myth of Hawai’i” beschreibt sie hawaianische Mythen und kulturelle "Landschaften" aus ihrer persönlichen Sicht.
Ihr neues Buch "Lichtjahre oder Ein Mädchen auf Hawaii" erschien zuerst im renommierten marebuchverlag auf Deutsch. Die englische Ausgabe "Light Years: A Girlhood in Hawai'i" kam erst 2007 bei Haus Publishing Limited in den Handel.
In dieser autobiographischen Schrift begibt sich Susanna Moore zurück zu den Orten ihrer Kindheit und schildert ihre erste Begegnung mit dem Meer und der Brandung, den Inseln, der einheimischen Kultur Hawai’is und dem anderem Geschlecht.
"In meiner Erinnerung gibt es kein Bild von meiner ersten Begegnung mit dem Meer. Es war immer da, und ich war eins mit ihm", schreibt sie gleich zu Anfang ihres Buches. Das Meer in allen seinen Facetten und lichtdurchflutete Sommertage unter Palmen, an Stränden oder in geheimen Verstecken bilden den Hintergrund dieses Buches – gemeinsam mit der Liebe zur Literatur. Literatur aus allen Zeiten und Kulturen. Literatur, die Hilfe gab, die Welt und die Menschen darin zu verstehen, die das Meer beschrieb und nahe brachte und Literatur, die wie das Meer weitertrug und weiterführte. Die Auswahl und Länge der literarischen Auszüge variiert stark und reicht von Daniel Defoe, Po Chu-Yi, Hermann Melville, Walt Whitman, Joseph Conrad über Charles Darwin, James George Frazer, Plinius Secundus, Hesiod bis zu Thor Heyerdahl und König Kalakaua von Hawaii.
Diese zahlreichen literarischen und wissenschaftlichen Einschübe stören auf den ersten Blick den Lesefluss. Erst auf den zweiten erschließt sich die "Umschlingung" und die wellenartige Durchdringung des Memoire durch die literarischen Zitate, die dieses Buch bereichern.
"Lichtjahre" ist wie alles aus dem marebuchverlag ein wunderschönes, sorgfältig lektoriertes und gut editiertes Buch.
"Lichtjahre oder Ein Mädchen auf Hawaii" ist ein langsames, ein leises und ein schönes Buch. Hawai’i, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren, seine indigene Kultur und auch sein Zauber auf ein aufwachsendes Mädchen werden nahe gebracht. So nahe, dass man es nur schwerlich missen möchte.
Igor Eberhard
Bewertung: 9 Punkte

         
Dieses Buch jetzt bei amazon.de bestellen
|


Anthony McCarten
"Superhero"


|
|
 |
Diogenes Verlag
303 Seiten
Einen Superhelden bzw. einen "Superhero" haben sich die meisten von uns vielleicht schon manchmal im Leben gewünscht. Es gibt diese Situationen: das Leben passiert einfach. Man ist ohnmächtig, einer Situation ausgeliefert und kann nicht eingreifen. Ereignisse geschehen. Im Comic tritt in diesen Momenten (sofern sie spektakulär genug sind) der Superheld X auf und rettet die Situation. Die Welt wird wieder voller Wunder und alles wird gut. Wenn das Leben nur so einfach wäre!
Für den 14jährigen Donald Delpe wäre ein Superheld ein Hoffnungsschimmer. Er weiß nichts von Liebe. Dazu hat er nicht nur Krebs und sieht scheiße aus, sondern ist noch Jungfrau. Drei schlimme Dinge auf einmal. Und die Zeit wird knapp. Donald weiß nicht, ob sein Leben noch lange dauern wird; es wird viel zu schnell immer kürzer. Das Leben ist nur noch im schnellen Vorlauf möglich, um alles zu fühlen und machen zu können, was er sich wünscht. Das ist vor allem: die Jungfräulichkeit verlieren. Als Jungfrau sterben, heißt, nicht gelebt haben. Hilfe tut not.
Da kann nur der selbsterfundene Held MIRACLEMAN helfen. Leider gibt es auch seinen bösen Antagonisten GUMMIFINGER, den wahnsinnigen superschurkischen Arzt...
Zum Glück findet Donald im Alltag die eher gewöhnlichen Super-Menschen Adrian, den verklemmten Klinikpsychologen, die mysteriöse Tanya und ...seinen eigenen Vater. Ist das die Rettung? Sind die hilfreicher als der mächtige MIRACLEMAN?
Anthony McCartens Roman "Superhero" ist ein Buch der Superlative: superlustig, supertraurig, sehr schrill und supergut zu lesen. Wie in jedem guten Buch liegen Traurigkeit und Komik dicht beieinander. Soll man weinen, lachen oder am ehesten beides miteinander? Der Roman ist Comic, Drehbuch und Film zugleich; ist Hommage an Liebe und Sterben.
McCarten ist der Co-Autor von "Ladies Night", einem Sensations-Theaterstück über eine Männerstripgruppe, Autor von weiteren Stücken und Drehbüchern und Regisseur seines eigenen Films "Via Satellite", der in Cannes uraufgeführt wurde. Derzeit vollendet er seinen mittlerweile vierten Roman. Er ist weltweit ein gefeierter und bekannter Autor. Es wird Zeit – und durch Donald Delpe wissen wir, dass Zeit immer knapp ist –, dass McCarten durch die Übersetzung seines Superromans Anerkennung findet. Diogenes sei Dank.
Igor Eberhard
Bewertung: 9 Punkte

         
http://www.diogenes.ch
Dieses Buch jetzt bei amazon.de bestellen
|


Marylin Manson - Talking
Chuck Weiner


|
|
 |
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag
Es mag irgendwie Anfang der neunziger Jahre gewesen sein, als ich gelangweilt an einer Straßenecke in Toronto herumhing und mir eine Gruppe schwarzgewandeter Teenager auffiel, die sich vor dem Schaufenster eines regionalen TV-Senders drängten.
Als dann die Tür aufging und ein großgewachsener Mann das Studio verließ, kreischten die Kids - wie sich das gehört - lauthals auf. Im Prinzip also die normale Anbieter-Konsumenten-Situation der Neuzeit, mit dem Unterschied, dass die Jubelnden einfach nicht so aussahen, als würden sie einer Boygroup huldigen.
Neugierig geworden, schaute ich mir die Sache genauer an und sah einen seltsam gewandeten Menschen, nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Mann, nicht Frau.
Nun, wenige Jahrzente später weiß ich, es handelte sich um Marylin Manson. Seine Musik läuft nicht selten, in unserem Büro und seine Performance ist einfach cool.
Zum Marylin Manson-Fan wurde ich aber erst, nachdem ich längere Interviews mit ihm gelesen, bzw. gehört hatte. Der Mann ist nicht nur ordentlich tätowiert, sondern hat auch etwas im Kopf.
Und nicht nur das, ich halte ihn für einen der reflektiertesten und klügsten Persönlichkeiten der heutigen Musikwelt.
Um so gespannter war ich auf das Buch "Marylin Manson Talking" von Chuck Werner aus dem Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag.
Doch die Erwartung wurde nur zum Teil erfüllt. Ja, in dem Buch sind schöne Fotos (wenn es denn auch mehr in Farbe hätten sein dürfen), ja in dem Buch sind viele Zitate, aber das ist es dann auch schon.
Wer auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Menschen oder dem Musiker Brian Warner aka Marylin Manson hofft, wird hier nicht fündig. Im Großen und Ganzen besteht das Buch aus einer lockeren Zitatensammlung, die unkommentiert und oberflächlich zu verschiedenen Themen zusammengefasst wurden.
Und so erfährt der geneigte Leser, dass Brian Warner Pink Floyd gehört hat und seine Katze ausstopfen möchte.
Prädikat: nur etwas für den wirklichen Fan.
Dieses Buch jetzt bei amazon.de bestellen
|


Joey Goebel
Freaks - Die Blindheit der Humanoiden!


|
|
 |
Joey Goebel
Freaks
Roman
Diogenes Verlag
Purer Rock`n`Roll in Buchform, das ist JOEY GOEBELS Roman "Freaks” (englisch: "The Anomalies", 2003). Es ist im Prinzip nichts wirklich außergewöhnliches, wenn fünf Leute eine Band gründen wollen. Daraus einen Roman zu machen, ist schon etwas ungewöhnlicher. Dennoch noch nichts wirklich interessantes. Wenn die Protagonisten, wie in diesem Buch weit entfernt von den meisten Durchschnittsmenschen dieser Welt sind, eben "Freaks", ist das schon reizvoller. Und ja, die Antihelden dieses Romans halten, was sie versprechen. Sie sind die sympathischen "Anomalies" von nebenan, die jeder ins Herz schließt oder doch lieber gleich in eine Klapse stecken möchte.
Die Hauptfiguren des Buches leben in einer miesen Kleinstadt in Kentucky: Eine 80-jährige SEX PISTOLS verehrende Großmutter; eine wunderschöne Hobbystripper-Satanistin im Rollstuhl; ein junger Iraker, der sich bei dem amerikanischen G.I. entschuldigen möchte, den er im Irakkrieg angeschossen hat; ein frühreifes sehr böses und auch sehr niedliches Mädchen; ein junger Afroamerikaner mit kleinem Pimmel, der keine Drogen hat und auch keine nimmt und der keine "Humanoide" mag.
Die Handlung ist schnell erzählt: unsere fünf Außenseiter finden sich, gründen eine Band und treten zum ersten Mal auf, was in einem totalen Desaster, einer Drogenrazzia und einem Mordversuch endet. Klingt vielleicht nach wenig, aber: weit gefehlt.
Nach GOEBELS ist die Handlung grob gestrickt und "wurde an den Haaren herbeigezogen, die Protagonisten wurden an den passenden Stellen untergebracht, die Themen gründlich ausgeschlachtet, sämtliche Perspektiven sorgfältigst ausgelotet, vordergründige Symbolik bewusst eingesetzt, abgedroschene Ironie verwendet und Emotionen sowie Humor angemessen übertrieben, allerdings muß das Befinden eines beträchtlichen Teils der Bewohner dieser Veröffentlichung noch angesprochen werden, nämlich der Charaktere, die unser gescheiterter Träumer Luster Johnson �Humanoide` nennen würde, jene stereotypen gewöhnlichen Menschen, die zusammengenommen die Antagonisten in diesem Roman spielen. Ihnen ist gar nichts passiert".
Ja, Ihnen ist gar nichts passiert. Denn um die geht es nicht wirklich. Wichtig sind die ungewöhnlichen Menschen, die Lachnummern der Nation, Musiker, alle Freaks dieser Welt und alle Menschen, die bereit sind Unwähgbares einzugehen. Für alle diese Menschen sind die "Freaks” ein Gewinn.
JOEY GOEBELS ist eine literarische Entdeckung. Das hat er ausreichend mit seinem erfolgreichen 2005 in Deutsch erschienen Romandebüt "Vincent" (englisch: "Torture the Artist", 2004) bewiesen. "Freaks” lässt nicht nach.
GOEBELS wollte schon als Kind Punkrocker werden (das ist mal ein Berufswunsch!), später dann tourte er als Leadsänger der MULLETS durch den Mittleren Westen. Sein erstes, später veröffentlichtes Werk "Freaks” war ursprünglich ein Drehbuch. Niemand wollte es. Die Blindheit der Humanoiden! Deshalb hat er es zu einem Roman umgeschrieben. Jetzt ist es endlich erhältlich: Eine schöne anomal-neue Welt!
Igor Eberhard
http://www.diogenes.ch/
Dieses Buch jetzt bei amazon.de bestellen
|


Cash — I see a darkness
Inside the Walls of Prison my Body may be. Reinhard Kleist.


|
|
 |
Einmal vorneweg: Ich habe geweint. Die Comicbiographie über Johnny Cash von Reinhard Kleist erreicht das Herz. Was die Songs des legendären "Man in Black" bei vielen Menschen auslösen, bewirken die Zeichnungen von Kleist. Sie berühren, verstören, fesseln und lassen nicht wieder los. "Cash" ist ein Buch wie die Lieder von Johnny Cash und seine Lieder sind wie das ungeschminkte Leben selbst. So ist die Biographie auch eine Huldigung an diesen getriebenen Großen.
"Cash. I see a darkness” ist wie die Bibel. Man muss dieses Comic immer wieder lesen und man kann bei allen Widersprüchen, bei allem Melodram und Drama immer wieder neues entdecken. Vielleicht ist es für einige sogar möglich, nach dem Lesen die Welt in Ansätzen besser zu verstehen. Aber wer weiß das schon.
Der Wahlberliner Reinhard Kleist ist mittlerweile zu einem bekannten Zeichner im deutschsprachigen Raum geworden. Seine Alben erschienen bei Ehapa, Eichborn, Reprodukt und zuletzt in der Edition 52. Für sein Album "Lovecraft" wurde er 1996 mit dem Max-und-Moritz-Preis als bester deutscher Zeichner ausgezeichnet. Als Illustrator, Kinderbuch-Autor und Storyboard-Zeichner ist Kleist auch über die Grenzen des Comic hinaus tätig.
Die Cash-Biographie ist vollständig in schwarz und weiß gehalten. Die einzelnen Bilder sind in einem expressiven, zum Teil fast expressionistischen Stil gehalten.
Der Schwerpunkt des Comics liegt auf den frühen Jahren von Johnny Cash, den 1950er und -60er Jahren, der intensivsten und ereignisreichsten Zeit in dessen Leben. Der Leser erlebt die Anfänge seiner Karriere, Sessions und frühe Konzerte, die ersten Plattenaufnahmen in den berühmten SUN-Studios, Tourneen mit Elvis, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins.
Reinhard Kleist bleibt jedoch nicht an den oberflächlichen Ereignissen kleben, sondern geht aus den Tiefen hin zu den Untiefen im Leben dieses unglaublich kreativen Menschen, der unter anderem durch Drogen, Unfälle und Selbstmordversuche seine erste Ehe und beinahe, sowohl seine Karriere, als auch sein Leben zerstörte. Reinhard Kleist zeigt Johny Cash als einen Getriebenen. Den Höhe- und Wendepunkt des Bandes bildet das Konzert in Folsom Prison 1968, das diese Rolle auch in Cashs Leben einnahm.
Besonders wird Reinhards Kleist Biographie mit durch die Einbindung von Johnny Cashs Songs in den Erzählfluss, die als eigene Kurzgeschichten die Geschichte ergänzen: "Big River", "Don’t take your Guns to Town", "A Boy named Sue", "Folsom Prison Blues", "The Ballad of Ira Hayes" u.a. Die Songs schließen das Band von Leben und Werk und verknüpfen es zu einer Einheit. Wobei hier die Songs zeigen, wie Kunst einen Weg über die Realität schafft.
"Cash" ist ein Buch, das man nicht so leicht vergisst oder einfach wieder wie eine alte Erinnerung abstreifen kann. Das Comic und der darin portraitierte Mensch darin werden zum Begleiter. Etwas Schöneres kann man nicht über ein Kunstwerk schreiben.
Igor Eberhard
Reinhard Kleist
Cash. I see a darkness
Carlsen Comics
sw, 224 Seiten
€ 14,- (D) / € 14,40 (A) / sFr 25,30
ISBN 978-3-551-76837-7
www.carlsencomics.de
Bildmaterial zur Vervügung gestellt mit freundlicher Unterstützung von Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2006 / Reinhard Kleist
Dieses Buch jetzt bei amazon.de bestellen
|
|
|

 New stuff


 Books


 Music


 DVD/Video




 Heros


 Motive search


 Piercing


 Misc


|