
Tribals sind ja eigentlich out. Während sie ihre Hoch-Zeit in den neunziger Jahren hatten, verursacht ein Arschgeweih oder ein halber Clooney (eine gesoftete Version des von George Clooney in
From Dusk Till Dawn getragenen Tattoos) selbst in einer Dorfdisco nur noch ein müdes Lächeln. Mit ihrer Suche nach Ursprünglichkeit und Authentizität inflationierten Träger und Tattookünstler die alte Bildsprache so sehr, dass sie jetzt schal und abgestanden wirkt.
Und trotzdem: in ihrem ureigensten Kontext entfalten ibane Tätowierungen immer noch Ihre Kraft. Und so haben Dr. Lars Krutak, ein Kulturanthropologe, der sich seit mehr als 10 Jahren intensiv mit den schwindenden Traditionen der Stammestätowierungen auseinandersetzt, und Natividad Sugguiyao, eine Aktivistin für den Erhalt indigener Kulturtechniken gemeinsam ein Buch über die Tattookunst ihrer Heimat vorgelegt.
Beide stammen aus Kalinga, einem abgelegenen Gebiet in den philippinischen Kordilleren weit nördlich der Hauptstadt Manila und mussten miterleben, wie die traditionellen Künste der Kalingas nach und nach verschwanden. Massenhaft emigrierten die jungen Menschen in die Städte und niemand schien sich noch für
man-abor (Schleifenweberei),
ur-ullir (Geschichtenerzählen),
bangar (Perlenbördelei) und
batok, der traditionellen Tätowierkunst zu interessieren.
Und so handelt das Buch Kalinga Tattoo nicht nur von Tätowierungen, sondern von der Reise ins unzugängliche Hochland zu Whang-Od, der letzten noch praktizierenden
mambabarok (Tätowierkünstlerinnen).
Neben den fantastischen Landschaftsaufnahmen nehmen die Autoren den Leser mit in die Geschichte der Kalinga Tätowierungen, ihren Motiven und die Kultur der Kalinga Krieger, die schon gerne mal den ein oder anderen Kopf abschnitten.
Hier liegt auch die Stärke des Buches, Krutak, ein erfahrener Kenner der traditionellen Stammestätowierungen weltweit, hat einen sehr breiten Ansatz an das Thema, neben den Techniken und Werkzeugen der Kalinga Tattoo Kunst, den dazugehörigen Gedichten und der Mythologie erklärt er beispielsweise die Bildsprache der Kalinga Tätowierungen. So gehört seit dem frühen 20. Jahrhundert der Stern zum Repertoire der Tätowierer. Strittig ist nur, ob er sich von den amerikanischen Münzen ableitet oder von Reisschüsseln der Japaner, die von den Kalinga im Zweiten Weltkrieg bis aufs Blut bekämpft worden.
Auch haptisch ist das in der Edition Reuss erschienene Buch ein Brett: 4 kg schwer mit hunderten großflächiger Abbildungen ist es ein echter Schmuck im Regal jedes Tattoofreundes. Und da war doch noch was? Ach ja, nicht mehr lang und es ist Weihnachten.
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Text: Lead
Fotos: Edition Reuss
» Website der Edition Reuss
» Website von Lars Krutak
Wir danken der Edition Reuss für die Bereitstellung des Bildmaterials!