Interview mit Osa von „Shockin' City Tattoo“ aus Wien
Du hast schon mit 12 Jahren angefangen zu tätowieren und warst mit 13 schon Gast einer internationalen Tattoo Convention, wieso fingst Du so früh an?
Der frühe Start ist meinem Vater, Waldi, zu verdanken. Er hat mich dazu bewegt, das ganze Verfahren erklärt, alle wichtige Dinge rund ums Tätowieren beigebracht und dann auch noch seine Haut für mein erstes Tattoo zur Verfügung gestellt.
Und wann hast Du professionell angefangen, bzw. wann wurde Dir bewußt, Tätowieren ist meine Profession?
Das Tätowieren war mir nie eine Profession, vielmehr eine Leidenschaft. Es gibt sehr viele, die sich „professionelle Artisten“ nennen und sehen anscheinend nicht den Widerspruch darin. Entweder macht man etwas professionell oder ist man ein Künstler und man macht es leidenschaftlich. Wenn ich professionell tätowieren würde, müsste ich nach Katalogvorlagen arbeiten und nach Kundenwünschen vorgehen, was bei mir ganz sicher nicht der Fall ist. Aus dem Grund kommen bei mir auch keine Kunden dran, sondern Menschen mit Kunstverständnis, die sich die Zeit genommen haben, um sich mit dem Thema Tätowieren näher zu befassen. Kunden, die zahlen und verlangen, fliegen bei mir schneller bei der Tür hinaus, als sie es bemerken. Deshalb auch der Text auf meiner Homepage, die mir zumindest ein Teil der Auseinandersetzungen mit den typischen Konsumenten erspart. Dass ich tätowieren liebe, war mir schon vom Anfang an bewusst. Auch früher schon, bevor ich überhaupt auf dieses Thema kam (also im Alter von etwa 10 Jahren), haben mir meine Schullehrer prophezeit, dass ich mein Leben der Kunst widmen würde, was ich aber damals gar nicht wirklich geglaubt habe.
Du betonst in Interviews und auf Deiner Website den (bildenden) künstlerischen Aspekt Deiner Arbeit, war es schwierig diesen anspruch durch zusetzten?
Es war ganz bestimmt nicht einfach. Vor allem in finanziell schwierigen Zeiten habe ich oft die Versuchung verspürt, wie jedes mittelmäßige Studio zu arbeiten, um ans schnelle Geld zu kommen. Zum Glück ist es mit meinem Charakter gar nicht zu vereinbaren, sonst hätte ich heute wahrscheinlich ein Tribal- und Sternchen-Produktionsband, anstatt Kunstatelier. Lieber verzichte ich auf den leichten Verdienst, als dass ich etwas tätowieren muss, wovon ich selber nichts halte. Das nicht verdiente Geld ist in meinen Augen das Entgelt dafür, dass ich den Konsumenten, die sich zu mir verlaufen, ihre eigene Ignoranz zeigen kann, und das ohne Betäubung.
Dein Vater ist ja auch Tätowierer, gibt es da zwischen Euch einen Wettstreit?
Einen Wettstreit gab es zwischen uns nie, viel mehr Zusammenarbeit und Ideenaustausch, was zu unseren künstlerischen Entwicklung sehr viel beigetragen hat. Vom Wettstreit halte ich überhaupt nichts, denn er teilt und verhindert den Fortschritt. Zusammenarbeit hingegen steigert die Entwicklung exponentiell. Wenn man mit anderen Künstlern den Gedankenaustausch macht und auch sie an den eigenen Fortschritten teilnehmen lässt, werden die Eindrücke und Ideen, die von uns weitergeleitet wurden neu aufgefasst und weiterentwickelt. Innerhalb vom Monaten können auf diese Art und Weise völlig neue Richtungen entstehen, von denen wir dann wieder schöpfen können. Die Tatsache verstehen leider die meisten Tätowierer nicht, die da eher zu Neidgefühlen neigen, was meistens auch mit mangelhaften künstlerischen Fähigkeiten verbunden ist.
und war es eine Belastung oder eine Unterstützung, dass Dein Vater auch tätowiert?
Die Tatsache, dass mein Vater tätowiert, habe ich nie als eine Belastung empfunden. Wir waren immer gute Co-Workers.
Woher holst Du Dir Deine Inspiriation für Deine Arbeit?
Die Natur liefert mir unzählige Eindrücke und Ideen. Ich unternehme öfters ziemlich extreme Ausflüge, wo ich mich beispielsweise mehrere Tage im Hochgebirge aufhalte, oder am Board eines Segelschiffes. Die Verbundenheit mit der Natur und die Überwindung der Naturgewalten , die mir auf meinen Reisen zuteil werden, sind mir die größte Inspiration. Auf neue Ideen bringen mich aber auch oft Gespräche mit den Leuten, die ich tätowiere, wahrscheinlich ohne dass es ihnen bewusst wird.
Wie gehst Du vor, wenn Du ein Tattoo mit/für einen Kunden machst?
Zu aller erst sehe ich die Menschen nicht als Kunden an, weil sie eben nicht mit der Einstellung zu mir kommen „Ich zahle und verlange“, sondern sie schenken mir ihre Hautfläche und lassen alles über sich ergehen, wobei sie oft eine richtige Weltreise unternehmen müssen, damit sie an ein Tattoo von mir kommen . Sie ermöglichen es erst, dass meine Kunst überhaupt zur Existenz kommen kann. Es sind daher eher Kunstgourmets als „Kunden“. Meistens werde ich direkt auf meine Arbeiten hin angesprochen und die Menschen, die auf mich zukommen, wissen schon über meine Arbeitsweise bescheid, da sie meistens viel Zeit dafür geopfert haben, um den für sie richtigen Künstler zu finden. Termine werden sehr oft per E-Mail vereinbart, denn aufgrund der Entfernung können viele Leute nicht zu einer persönlichen Besprechung kommen. An einem Tag nehme ich mir immer nur eine Person vor, damit ich mich völlig auf mein Werk konzentrieren kann und damit kein Zeitdruck wegen dem nächsten Termin entsteht. Da ich keine 20-Minuten-Tattoos mache, sondern sehr aufwendige Arbeiten, sind sehr oft mehrere Sitzungen notwendig bis ein Tattoo fertig wird. Bei der ersten Sitzung plane ich das ganze Bild ein, wobei niemals am Papier vorgezeichnet wird, sondern direkt auf der Haut. Nur auf diese Art und Weise kann ich nämlich die Körperformen und Bewegungsabläufe berücksichtigen. Ein Papierblatt ist doch flach und wenn man eine Vorzeichnung abpaust, sieht das Tattoo immer aus wie hin geklebt ohne jeglichem Zusammenhang mit der räumlichen Körperform. Beispielsweise, wenn ich ein Gesicht am Oberarm tätowieren soll, werde ich es so aufzeichnen, dass die runde Form des Oberarms das Oval des Gesichts bildet und die Tätowierung somit ein bisschen dreidimensional ausschaut, wenn man sie von allen Seiten betrachtet. Würde ich das Gesicht nur eine Spur kleiner machen, als der Oberarm es bietet, würde es so flach und aufklebermäßig wirken, als ob man es eben abgepaust hätte. Wenn die Zeichnung fertig ist kann man sie sich im Spiegel anschauen. In diesem Stadium ist es natürlich noch möglich, Änderungen vorzunehmen. Dann wird tätowiert. Wenn es sich um eine sehr große Tätowierung handelt, ziehe ich die Vorzeichnung zur Gänze nach, damit ich nicht zur jeden weiteren Sitzung alles immer wieder vorzeichnen muss. Diese tätowierte Skizze wird dann mit dem Vorschreiten des Bildes überdeckt.
Du machst ja noch weitere Kunst, kannst Du mir ein wenig darüber erzählen. Malerei und Witzige/ironische Zeichnungen?
Die Malerei habe ich letztens aufgrund von Zeitmangel ein bisschen vernachlässigt. Ich mache zur Zeit nur Auftragsbilder, wie beispielsweise Portraits oder Bilder zu anderen vorgegebenen Themen. Man muss auch längere Wartezeiten auf ein Ölgemälde in Kauf nehmen. Die humoristische Zeichnungen entstehen laufend für verschiedene Magazine und nur ein kleiner Teil davon kommt auf meine Webseite. Die Fähigkeit zu Zeichnen und Malen ist von größten Wichtigkeit, wenn man es wagt, die menschliche Haut als ein Medium zu benutzen, deshalb finde ich es äußerst wichtig, dass man nicht ohne solche Vorkenntnisse zu tätowieren beginnt, denn so kann es nichts Gutes daraus werden. Das Tätowieren ist kein bloßes Einbringen der Farbe unter die Haut, sondern es gehört ein künstlerischer Aspekt dazu. Für Leute, die ihr zeichnerisches Talent unterstützen möchten, biete ich individuelle Zeichen- und Malkurse an.
(Wir sprachen ja schon am Telefon darüber) Normalerweise sind ja Tätowierer älter, wenn sie neben der Tätowierungen noch andere Kunst machen, Du scheinst aber bei vielen Sachen ein Frühstarter zu sein, oder sehe ich das falsch?
Ich kenne schon ein paar wahnsinnig gute Künstler, die sich mit dem Tätowieren und Malerei beschäftigen und in etwa gleichen Alters sind, wie ich. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie alt man ist, oder auch wie lange man tätowiert. Wenn man schon von Beginn an die ganze Sache gut anpackt und die künstlerische Aspekte nicht vernachlässigt, kann man auch nach einem Jahr schon tolle und kunstvolle Tattoos machen. Man kann es aber nicht erwarten, dass man besser tätowieren wird, als man zeichnet. Auch wenn jemand schon seit 25 Jahren in der Tattoobranche tätig ist, aber immer noch keinen geraden Strich zeichnen kann, wird er auch nie gut tätowieren können.
Und wie siehst Du Deine Zukunft, mehr im Bereich Tattoo oder im Bereich Kunst, oder vielleiht bei etwas ganz Anderem?
Ich habe meine Zukunft nicht fest verplant. Sollte einmal der Tag kommen, wo mich das Tätowieren nicht mehr freuen wird, werde ich einfach aufhören und mich anderen Hobbys widmen.