| "Eine Taetowierung ist kein Konsumgut, sondern ein Ritual, dem mit Respekt begegnet werden sollte! Wäre es nur eine Mode, würde die hohe Kunst des Taetowierens zu etwas banalem verkommen und die Taetowierung würde ihren Sinn verlieren" - diese Passagen entstammen dem Flyer des Berliner Tattoo Studios "Ziguri Tattoo". Tiefgruendig setzt sich der sympathische Inhaber des gleichnamigen Studios im Herzen Schoenebergs darin mit dem Taetowieren auseinander. Im Vergleich zu vielen seiner jungen Kollegen war es bei ihm nicht nur die Faszination an Formen und Farben die ihn zum Taetowieren trieb, sondern stets auch das Interesse und die Achtung vor den spirituellen Urspruengen dieser Kunst.
Bis zum Beruf des Taetowierers war es allerdings ein langer Weg. Zwar entdeckte er schon in frühester Jugend die Leidenschaft fuers Zeichnen, doch war die berufliche Ausrichtung noch unklar. Das begonnene Grafik- Studium schien zunaechst das Richtige zu sein. Allerdings nahm der drohende Berufsalltag am Schreibtisch schnell jegliche Illusionen vom kreativen Job. Ernuechtert schaute sich Peter nach anderen Alternativen um. Es folgten Jahre im Bereich des Kunstausstellungsauf- und Abbau, die ihren ganz besonderen Reiz hatten, denn gegensaetzlicher hätte die damalige Taetigkeit kaum sein können.
Auf der einen Seite grobe Handarbeiten und andererseits vorsichtigster Umgang mit millionenschwerer Kunst. Dennoch, den inneren Drang nach Mehr vermochte auch dieser Job nicht zum Erlöschen zu bringen. Im Laufe der Jahre hatte sich Peters Interesse an der Tätowierkunst verstärkt. Bereits im Alter von 14 Jahren war er fasziniert von dieser Form des Körperschmuckes.
Das erste Tattoo wurde selbst gepeickert, mit drei Nadeln und Scriptaltinte. Die Motivwahl war damals eher zweitrangig und so schmückte fortan das bekannte "Kreuz auf dem Hügel" seinen Unterarm. Auch die Freunde mussten ran, schließlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Doch schnell stellte sich Unzufriedenheit ein. Das Taetowieren dauerte zu lange, die Linien gelangen nicht so recht und auch die Farben entfalteten nicht den gewünschten Effekt.
Der Wunsch nach einer professionellen Tattomaschiene war geboren, allerdings war die Realisierung dieses Traums Anfang der Siebziger vollkommen unmöglich und musste zunaechst auf Eis gelegt werden. Erst 1986 rückte er in greifbare Nähe. Eine Reise nach London zum Carneval in Nothing Hill Gate, dem größten karibischen Karneval in Europa, sollte zudem den Kauf eines Tatto- Starterkids ermöglichen. Mit 1500 Mark in der Tasche machte er sich auf den Weg, was damals nicht gerade ungefährlich war. In den Wirrungen der 80ziger waren Raubüberfalle nicht selten und auch der besagte Karneval endete regelmäßig mit berennenden Autos und Straßenschlachten. Trotz vieler Erlebnisse scheiterten alle damaligen Versuche bezueglich des Kaufes einer Tattoomaschiene. Der einzige Trost: In Kingsroad erhielt er die Adresse eines Versandes fuer Tattoo- Equipment. Diese Adresse sollte er noch bis Anfang der 90ziger in seiner Tasche tragen, bis er endlich sein erstes Tattoo-Starter Set in den Haenden halten konnte. Nun begann die Zeit des Lernens, schließlich wollte das neue Werkzeug entsprechend bedient werden. Rein autodidaktisch gelang es dem heute 48jaehrigen seine Kenntnisse auszubauen. Allein die genaue Vorstellung, wie ein gutes Tattoo auszusehen habe, und die selbst hochgesetzten Maßstäbe an die eigene Arbeit leiteten ihn. Doch der Austausch mit anderen Taetowierern war unerlässlich.
Fuer die damaligen Tips und Anregungen ist Peter auch heute noch jedem Einzelnen dankbar. Beeinflusst wurde Peter auch von fremden Kulturen. Eine Reise nach Südostasien war ausschlaggebend, dass Peter der deutschen Heimat für 6 Jahre den Rücken kehrte. Auf Koh Samui in Thailand eröffnete er sein erstes, kleines Tattoostudio. In dieser Zeit intensivierte er den Bezug zu traditionellen Riten in der Tattookunst. So berichtet er beispielsweise von buddhistischen Mönchen in Klöstern, die mittels angespitzer Bambusstäbe Schutzsymbole in die Haut stechen, die nach komplizierter Berechnungen individuell ermittelt wurden. Er lernt die Taetowierung auch als Teil von Initiationsriten kennen, wo Sie für den Eintritt in das Erwachsensein, die soziale Stellung oder die spirituellen Weihung des Trägers stehen. Trotz aller Faszination fuer das fremde Land, besucht der Aussielder in zweimonatigen Sommerurlauben regelmäßig die Heimat. Auf einem solchen lernte er seine jetzige Lebensgefährtin kennen, die nicht unerheblich zu dem Entschluss beitrug nach Deutschland zurück zu kehren. Glücklicherweise hatte Peter zuvor in Thailand die Bekanntschaft mit der Berliner Taetowiererin Sabine Gaffron gemacht, so dass er zurück in Berlin zunaechst in ihrem damaligen Studio "Bija" arbeitete. Als Sabine ihr Domizil schloss, folgten Taetigkeiten in weiteren Berliner Studios- so beispielsweise bei "Two Face", "Für Immer" oder "Tattoo Connection". Sich aber immer nur als Gast zu fuehlen, war fuer Peter dann nicht mehr ausreichend.
Vor anderthalb Jahren verwirklichte er sich dann den Traum vom eigenen Studio im Bezirk Schoeneberg. Nun endlich war es ihm vergoennt, seinen Arbeitsraum nach seinen Vorstellungen zu gestalten und so ein kreatives Ambiente schaffen, dass durch eine ruhige und warme Atmosphäre gezielt die Kunden anspricht, die er sich wünscht. Anscheinend mit Erfolg, denn etwa zweidrittel aller Kunden sind Stammkunden, wozu auch diverse Sportler und Schauspieler zaehlen, die gerne wiederkommen, obwohl das Studio fuer die meisten nicht gerade um die Ecke gelegen ist. Aber der Weg ins Ziguri Studio lohnt sich. In den Räumlichkeiten des Einmannbetriebes fühlt man sich auf Anhieb wohl, was nicht zuletzt an der liebevollen, farblichen Gestaltung liegt. Peter setzte beim Farbkonzept der Raeume ganz auf die Theorie Le Corbusiers, des bedeutenden Architekten aus den 20er Jahren.
Nach ihm heisst es, dass man sämtliche seiner Lc- Farben beliebig miteinander kombinieren kann, um zu einen harmonischen Ganzen zu gelangen. Dies ist ohne Zweifel gelungen. Vielleicht saehe so ein Tempel der Moderne aus. Die Aura des Studios wird jedenfalls auch von Neugierigen aller Art registriert, die oft einfach nur mal so ins Studio hineinschauen. Freunde des Piercings werden allerdings bei Peter kein Glueck haben. Fuer ihn haben Tattoos und Piercings nichts miteinander zu tun, auch wenn beides immer oefter in den grossen Topf der Bodymodification geschmissen wird. "Schuster bleib bei deinen Leisten", sagt er sich. Auf die besondere Ausstrahlung des Studios wurden auch Filmemacher aufmerksam. So wurde es zum Beispiel vor kurzem fuer eine Fotoreportage ueber Ricky Warwick, dem Saenger der Band "The Almighty" benutzt. Doch nicht nur an seinem Arbeitbereich hat Peter hohe Ansprüche, sondern auch an seine Kunden. Er ist stets bemüht auch Ihnen den rituellen Charakter des Taetowierens zu vermitteln. Die Modefreaks oder szenemäßigen Tattookonsumenten braucht er nicht. Also kein "Tattoo to go”. Es sollte eine wohlüberlegte und gereifte Entscheidung sein. Schliesslich traegt man es bis ans Lebensende.
Spürt er dann bei einem Kunden die nötige innere Stimmigkeit, kann er sich in viele verschiedene Stilrichtungen hineindenken. Persönlich bevorzugt er einen Crossover aus plakativen Old School mit asiatischen Stilmitteln. So ist er am Ende glücklich, wenn klare Bilder mit kräftigen Farben, in Verbindung mit zartem, grau-schattierten Wasser- oder Wolkenhintergründen gewünscht werden. Bei reinen black and grey Arbeiten reizt ihn zudem die gestalterische Anforderung, einzig und allein mit hellen und dunklen Flächen, möglichst fotorealistische Ergebnisse zu erzielen.
Vorbildhafte Wirkung haben dabei die Arbeiten von Kore Flatmo aus den USA, ebenso die asiatischen Arbeiten von Filip Leu, dem Schweizer Mick und frühere Arbeiten Bernie Luthers. Doch auch die Erfahrungen in Thailand trugen ihren Teil zur heutigen Kunst des Peter Ziguri bei. Geprägt von der hohen spirituellen Bedeutung der Taetowierung in jenen Ländern, sieht er Tattoos "nicht nur als eine besondere Art des Körperschmuckes, sondern als einen individuellen Ausdruck des Lebensgefühls. Dies scheint in unserer schnelllebigen Zeit, mit den ständig wechselnden Moden, leider oft vergessen zu werden", so dass der Taetowierung immer oefter ein gewisser Konsumgutcharakter beiwohnt. Wer aber zur ursprünglichen Bedeutung zurückkehren will, der wird im Ziguri Studio bestens aufgehoben sein.
Fotos und Text: Marcus Ewers
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 Peter Ziguri


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