When the saints come to Berlin...
Dass in Berlin mittlerweile sehr viel Kunst zu sehen ist und die Stadt selber zur Kunstmetropole wurde, zählt inzwischen zu Allgemeinplätzen. Nach Berlin ziehen Künstler aus der ganzen Welt. Sie leben und arbeiten hier. Hier zeigen sie ihre Werke. In keiner anderen europäischen Stadt gibt es so viele Galerien wie in Berlin. Mehr als 400 sind es heute. Und es sind nicht allein die Galerien in der schicken Auguststraße in Mitte, sondern auch viele kleine, die verstreut und versteckt in der ganzen Stadt zu finden sind.
Mitten in Neuköln, dort, wo zu den meist gehörten Sprachen auf der Straße Türkisch, Arabisch oder Polnisch gehören und die letzten Bastionen des Deutschen ein katholisches Seniorenheim und eine evangelische Kapelle zu sein scheinen, werden noch bis zum 16. Dezember in der RISE-Berlin-Galerie Arbeiten von Lee Wagstaff mit dem Titel "Baptism" gezeigt.
In Großformatigen Fotografien dokumentierte Künstler seine Tätowierungen, die er sich in einem Zeitraum von fünf Jahren hatte stechen lassen. Sein gesamter Körper ist mit Symbolen und Mustern bedeckt. Das Interesse von Lee Wagstaff gilt der Entstehung und Entwicklung geometrischer Formen und Ornamente und wie sie scheinbar durch Zufall in unterschiedlichen und weit voneinander entfernten Kulturen und Religionen zu finden sind. Die Tätowierung versteht sich dabei als Medium, mit dem der Körper als Zeichenträger zum Botschaftsträger wird und der menschliche Körper, in diesem Fall der Körper des Künstlers, sich in ein Kunstwerk verwandelt.
Neben den Fotografien zeigt RISE Berlin auch ein Tuch mit dem Titel "Shround" (Leichentuch) - ein Lebensgroßes Abbild des Künstlers, das er mit eigenem Blut im Siebdruckverfahren hergestellt hatte. Wenn man außerdem weiß, dass Lee Wagstaff streng katholisch erzogen wurde und dass er sich in seiner anderen Arbeit: "Die zwölf Apostel" - einer Reihe großformatiger Porträts von tätowierten Männern - als Christus tituliert, werden die Anspielung auf die größte Reliquie der katholischen Kirche, das Turiner Grabtuch, und die Provokation, die nicht allein dieser Arbeit Wagstaffs innewohnt, deutlich. Ist es Blasphemie? Ja. Ist es Kunst? Auch hier lautet die Antwort: ja. Ja, es ist Kunst und zwar eine von inhaltlicher Qualität, die ich seit langem nicht gesehen habe. In Werken Wagstaffs meldet sie sich meiner Ansicht nach mit ihren großen, religiösen und essentiellen Themen zurück.
Die Ausstellung in der RISE Berlin ist die erste Präsentation der Arbeiten von Lee Wagstaff in Deutschland. Der aus Großbritannien stammende Künstler studierte an der Royal College of Art in London und an der Kyoto City University of Arts. 2006 zog er nach Berlin um. Im Augenblick baut er einen ehemaligen Frisörladen zu seinem Studio um und lernt alles, was ein Stuntman können muss. Mit dem Wissen, wie man richtig fällt, springt, wie man Autos explodieren und den eigenen Körper brennen lässt, möchte er eine neue Fotoserie beginnen. Das wird seine nächste Arbeit sein. Wenn er in der Zwischenzeit einen geeigneten Raum findet, wird er auch "die zwölf Apostel" nach Berlin kommen lassen und auch diese monumentale Arbeit hier zeigen. And when the saints come to Berlin, I'll be there!
In diesem Sinne auf bald
Agata
"Baptism" 24.11 -16.12
RISE Berlin, Herzbergstr. 27, 12055 Berlin
Öffnungszeiten: Do. - So. 13.00 - 19.00 und auf Vereinbahrung
www.riseberlin.com
www.leewagstaff.com
Photos: Agata und Lee Wagstaff
Galerie