
Ein nachdenklicher Lead kommt mit eini- gen Gedanken über die Welt des
Täto- wierens und
der Kunst aus dem Wochen- ende.
Am Donnerstag wollte ich mir mal wieder ein kleines Tattoo stechen lassen,
nichts
Besonderes, nur eine Windrose auf die Brust, es stand mir der Sinn nach ein
paar
konstruktiven Schmerzen um die Seele zu reinigen.
Zoe, meine persönliche Lieblingstäto- wiererin, hatte noch einen Termin frei,
später am
Abend, davor sei nur noch eine Kunstaktion geplant, die solle aber nicht
länger als 5
Minuten dauern.
Prima sagte ich mir, schließlich war mein Terminwunsch spontan und so ein
bisschen
Kunst kann ja auch sehr unterhaltsam sein.

Im Studio dann, warteten Zoe und ich auf den Künstler. Stattdessen erschien
aber
erstmal ein Fotograf der Welt am Sonntag, der uns erzählte, dass der
Künstler doch
ganz weltberühmt sei und schon mal den Turner-Preis gewonnen hätte. Und wir
warteten.
Dann kamen zwei junge Damen, die den Künstler betreuen sollten. Und wir
warteten. Und
dann kam noch ein Betreuer und es kam ein Mädchen und ein Mann, die sich
beide von dem
weltberühmten Künstler tätowieren lassen wollten. Und wir warteten.
Das heißt, eigentlich sollte ja Zoe tätowieren, aber der Künstler wollte es
vorzeichnen. Wie ge- sagt, die ganze Sache sollte nur 5 Minuten dauern,
schließlich war
es eine Aktion für die Ausstellung "...5 minutes later". Und wir warteten.
Für das Mädchen war es übrigens das erste Tattoo und ich hatte nicht
unbedingt den
Eindruck, dass sie die richtige Vorstellung davon hatte, was es bedeuten
würde, für
den Rest - oder zumindest einen langen Teil davon - ihres Lebens mit einer
halben
Dead-Mans-Line am Hals herumzurennen. Aber sie war sehr aufgeregt, würde sie
doch bald
ein richtiges Kunstwerk werden. Naja...wir warteten.
5 hours later kam dann der Künstler. Das war natürlich ein großes Hallo und
Küsschen
und Handygebimmel und so. Der weltberühmte Künstler malte dann zwei Linien
auf zwei
Hälse und Zoe tätowierte sie dann. Und ich wartete.
Und dann hatte ich keine Lust mehr. Also kein Tattoo, keine Reinigung der
Seele, dafür in einer Bar später ein paar Drinks,
die immerhin vom weltberühmten Künstler bezahlt wurden. Und ein paar
Gedanken. Wie viel
Geld wohl Zoe an der Sache verdient? das fragte ich aber nicht. Wie viel das
Mädchen
verdient? das fragte ich auch nicht. Und wie viel wohl der weltberühmte
Künstler
verdient? das wollte ich erst recht nicht fragen.
Am Samstag war dann die 10 Jahresparty von Nightliner. Lead war verkatert
und konnte
nicht, Daniel, unser Fotograf, war verkatert und konnte nicht. Aber Agata
konnte. Sie
fand die Szenerie der harten Männer ein wenig seltsam. Aber sie musste dafür
auch nicht
warten.
In meinem nächsten Leben werde ich wohl auch weltberühmter Künstler und
lasse andere
warten.
Lead
Links zum Thema:
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