
1989 schüttelte Polen nach 44 Jahren das Joch des Kommunismus und der Abhängigkeit von der Sowjetunion ab. Für unser Land, sowie für den gesamten Ostblock begann die Zeit der Freiheit und der Unabhängigkeit. Vor allem für die schöpferischen und kreativen Menschen eröffneten sich uneingeschränkten Möglichkeiten, Inspirationsquellen und Kontakte zur Kunst und Kultur des Westens und ihrer Vertreter. Ende 80er und Anfang 90er Jahre begannen sich viele Polen beinahe zur gleichen Zeit für Tätowierungen zu interessieren, die bis dahin nur mit Gefängnissubkultur und dem kriminellen Milieu in Verbindung gebracht wurden. Sowohl der Zugang zu Equipment als auch das Wissen über die Technik des Tätowierens waren zu dieser Zeit beschränkt. Nach der Öffnung der Grenzen erweiterten sich Jahr um Jahr auch diese Möglichkeiten. Ausländische Fachzeitschriften konnten erworben werden, professionelles Equipment strömte zunehmend ins Land und die ersten Tattoostudios entstanden.
Trotz mangelnder gesellschaftlichen Akzeptanz wurde Tätowierung dank einigen wenigen Personen, die die mühselige Arbeit der Entwicklung der heimischen Tattooszene auf sich genommen haben, zunehmend populärer. Ein Teil von ihnen hatte beschlossen, ins Ausland zu gehen, um eigene Fertigkeiten in der Kunst des Tätowierens zu vervollkommnen und wurden auch dort sehr bald bekannt. Zu ihnen zählen Till, Waldemar Wahn (Waldi), Zappa oder Robert Hernandez. Andere, wie z.B. Slawek Fraczek, Bazyl oder Piotr Zurawski blieben zurück, um auf die Entwicklung der Tätowierkunst in Polen aufzupassen. Ihre Bemühungen fruchteten in der ersten Tattoo Connvention in Warschau im Jahr 1998. Und im Jahr 2000 erschien das allererste und bis heute erscheinende Tätowierermagazin Osteuropas: "Tatulaz – Cialo i Sztuka" ("Tattoo - Körper und Kunst").

20 Jahre Tattookunst in Polen sind wenig und zugleich sehr viel. Die ambitionierten polnischen Tätowierer stützten sich automatisch in ihrer Herangehensweise an das Tätowieren auf die Kunst. Die 90er Jahre in Polen sind vor allem die Zeit des Handwerklernens und der Vervollkommnung der Tätowiertechnik. Bereits in den frühen Arbeiten verwendeten die polnischen Tattookünstler Schattierungen und suchten nach Inspirationen in Arbeiten der Künstler von außerhalb der Tattooszene, wodurch die traditionellen westlichen Tattoostile mit starken Konturen, flächigen Gesichtsdarstellungen und Farbflecken in Polen keinen Fuß fassen konnten. Anregungen aus den Bildern solcher Maler wie Zdzislaw Beksinski, Franciszek Starowieyski oder Tamara de Lepicka bildeten die Grundlage besonderer, surrealistischer und in ihrem Ansatz durchaus künstlerischer Arbeiten. Es dominierten dunkle und phantastische Motive, zugleich wurden aber auch realistische Formen tätowiert.

Im 20. Jahrhundert haben wir die europäische Bühne in voller Bedeutung des Wortes betreten. Künstler, die in der ersten Emigrationswelle aus Polen auswanderten, wurden in Westeuropa heimisch und etablierten sich innerhalb der westeuropäischen Tattooszene. Gleichzeitig erschienen innerhalb polnischer Szene neue Gesichter, derer Arbeiten auf den europäischen Connvetions Anerkennung fanden und von den Juroren prämiert wurden. Junior aus Warschau (Warszawa), Gonzo aus Stettin (Szczecin), Marzan aus Ruda (Ruda Slaska), Pawel von 3RDEYE aus Graudenz (Grudziadz), Studio KULT aus Krakau (Kraków) und Piotr Taton aus Waldenburg (Walbrzych) repräsentierten und repräsentieren würdig polnische Tattookunst. In den vergangenen Jahren gewannen auch zunehmend an Popularität Lenu auch aus Waldenburg (Walbrzych) oder Kamil Mocet, der zurzeit in dem Londoner Studio "Evil from the Needle" arbeitet. Beide werden regelmäßig auf die größten Connventions eingeladen.

Im Augenblick wächst in Polen die nächste Tätowierergeneration heran. Dank dem Zugang zu Internet, orientieren sich diese jungen Menschen an westeuropäischen Stilen, zugleich versuchen sie jedoch auch dort eigene Note einzubringen. Unser Land hat im Augenblick eine rasante Entwicklungsphase der Tattooszene betreten. Mit Erfolg existieren drei Tattoozeitschriften, die Popularität von Connventions und eine allgemeine Missbilligung kommerzieller Tätowierungen steigen. Für das Jahr 2008 ist die Gründung eines Verbandes geplant, der die polnischen Tätowierer versammeln und ihre Interessen nach außen vertreten sollte.
Radoslaw Blaszczynski (Tattoofest)