
In dem jetzt veröffentlichten Buch, "Tiki Modern", spannt Sven A. Kirsten einen Bogen zwischen Moderne und Primi- tivismus. Er erzählt von der Begeisterung der europäischen Kubisten für primitive Kunst Afrikas und wie diese Be- geisterung mit den Werken der europäischen Avantgarde oder mit ihrer Vertretern selber in Folge des zweiten Weltkrieges nach Amerika kam. Nicht zu vergessen ist auch das Action Painting eines Jackson Pollocks, seine Dripping-Technik, mit der er die Farbe auf die auf dem Boden liegende Leinwand trop- fen, fließen, schütten, sprengen und spachteln ließ, so dass sich Strukturen, Rhythmen und Mus- ter bildeten. Er, der Wilde, wurde dank Peggy Guggenheim zu dem größten Maler modernen Amerikas erkoren. Und dann kam noch Jazz – die Musik, die den Rhythmus der Moderne vor- gab. Die ästhetischen Ansichten der Avantgarde und ihre Be- geisterung für das Primitive sickerten, nach Ansicht von Sven A. Kirsten in den popu- lären Geschmack durch, so dass als 1959 Hawaii zum fünfzigsten Bundesstaat der USA wurde, der Boden für Tiki Style und Polynesian Pop vorbereitet war.
Das Buch "Tiki Modern" ist voll von Beispielen, wie aus einer vagen Vorstellung vom Paradiesischem eine bis ins Detail durchgestylte Lebenswelt kleiner Fluchten nach Feierabend entstand. Es war ein Gegenentwurf zum puritanisch geprägten Alltag des Kalten Krieges mit seiner Angst vor atomarem Gegenschlag und wachsendem Wohlstand; eine Projektionsfläche, die Phantasien frei setzte, die nur so weit gingen, dass man sich ein buntes Hemd anzog, das nicht in die Hose gesteckt werden musste, eine Blumenkette umhängte, sich betrank und für barbusige Südseemädchen schwärmte. Tiki Style war so gesehen ein Patchwork aus ethnographischen Anleihen, die zu einem erlebnisgastronomischen Konzept zusammengesetzt wurden.