
Als die Sex Pistols God Save the Queen zum Besten gaben, war ich ein junges braves Ding, das unter den Hippieexzessen seiner älteren Schwester litt. Mit dem Punk kam meine Stunde! Jetzt hatte ich die Familie, Nachbarn und nähere Umgebung mit harten Beats und Schreigesängen nerven und meinen Frust auf die Welt rausbrüllen können! Meine arme Mutter ertrug es mit Geduld, solange ich eins nicht tat – die Haare grün zu färben und das Gesicht mit Sicherheitsnadeln zu schmücken.
Lang ist es her...
Vor Ostern kam ein Anruf. Die Familie sei in Anmarsch und so ist es Jule nicht möglich gewesen, zum Konzert der Bad Boys for Life Tour zu gehen, das am Karfreitag in SO 36 in Berlin stattfand. Die Bad Boys waren an diesem Abend Radio Dead Ones, Darkbuster, The Creepshow, U.S. Bombs und Deadline. Ich sollte Jule vertreten und viel Spaß haben, denn es gab Punk.
Genau Punk, Punk nach über zwanzig Jahren Abstinenz!

Der SO 36 füllte sich recht schnell. In dem Publikum war so ziemlich alles vertreten, was auch in diversen Veranstaltungen dieser Art zu sehen ist: Irokeser, Rockertollen oder Glatzen, aber auch gegelte Yuppieköpfe, viel viel bunte Haut unterschiedlicher Stielrichtung und viel unterschiedliche "Stammeskleidung" – ein scheinbar kompletter Querschnitt durch die gesamten T-Shirt Produktionen der Merchandiser und Militarymailordern. Viele Jungs schienen mir in viel zu kurzen und viel zu engen Hosen unterwegs zu sein, was ihnen einen recht seltsamen Gang aufzwang und mir einen unfreiwilligen Blick auf ihre Unterwäsche bescherte. Sie trugen Ringgürtel um die Hüften, lange Haare und Wollmützen oder Schirmkappen und wirkten auf mich feminin und weich...
Gott, bin ich schon so alt geworden?!
Die ersten Akkorde haben mich auch überrascht.
War das Punk?