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Süß ist der Schmerz in Haut gebannt

 

Berit von Tatau Obscur Wie viele Fotos hast du durchschnittlich bei einer Session gemacht?

Ich bin da eher zurückhaltender Fotograf, also, maximal zehn Filme...mehr habe ich fast nie fotografiert...

Zehn Filme á 36 Aufnahmen?

Nee, á 12... 120 Aufnahmen...

Das ist viel.

Ja,...

Hast du dir vorab solch ein Limit gesetzt?

Da wir alle nicht wussten, was passiert, es ja kein Drehbuch gab, nach dem alles "abgearbeitet" wurde, gab es dieses Limit natürlich auch nicht. Ich habe so lange fotografiert, bis ich der Meinung war, dass ich alles eingefangen habe in dieser Nacht. Aber ich habe auch Fotos gemacht mit jemandem, da hatten wir beide ein Bild im Kopf, wie es werden sollte und die ganzen Vorbereitungen haben vier fünf Stunden gedauert, dabei habe ich zwei drei vier Aufnahmen gemacht und mittendrin habe ich durch den Sucher der Kamera ein Foto gesehen, wo ich gedacht habe, das muss ich jetzt aufnehmen... just grade wurde Oliver der Mund zugenäht, ... ich weiß nicht, ob du das Bild kennst... und als ich dieses Bild mit dem zugenähtem Mund fotografiert habe, war mir klar, dass ich nicht mehr weiter fotografieren werde. Ich sagte, das Bild war so stark, das kann man gar nicht mehr toppen und wir hören auf. Ich wollte nicht mehr fotografieren. Und da guckten mich zwei verdutzte Augen an – Oli konnte nichts sagen, der Mund war ja zugenäht – aber alle haben eingesehen, dass hier nichts weiter fotografiert werden konnte. Wir sind zum chill out übergegangen.

Wie viele Leute waren im Studio anwesend, außer Dir und dem Modell?

Wir waren drei, ich als Fotograf, Oli und dann noch derjenige, der gestochen und genäht hatte. Bei solchen Aufnahmen waren es fast immer drei Leute: der Porträtierte, jemand, der den aktiven Part übernahm und ich, der...

Der Knipser?

He, Knipser?!.. Es gibt keinen Fotografen, der gern hört, er wäre Knipser...

Wieso? So ganz provokant gefragt. Ich bezeichne mich selber als Knipser...

Und jetzt bist Du Schreiberling!

Ja, genau! Ich bin Knipserling und Schreiberling... überhaupt ein Ling... Doch jetzt zurück zu der Ausstellung, die wir eben zusammen gesehen haben. Du hast gesagt, dass ein bestimmtes Bild von Avedon, dich sehr beeinflusst hat: Das Porträt von William S. Burroughs.

Er ist ein Schriftsteller gewesen, der seine Frau erschossen hat... 1951 erschoss Burroughs in Mexico seine Frau, als er im Zustand der Trunkenheit oder unter Drogeneinfluss die Apfelszene aus Schillers Drama Wilhelm Tell nachstellen wollte... es gibt viele Fotografen, die ihn immer mit einem Revolver oder einem Gewähr fotografierten... Avedon macht das nicht und sein Porträt von Burroughs finde ich so toll, weil er unglaublich schön im Bildausschnitt sitzt: er ist nicht in der Mitte, sondern an den Rand gedrängt und im Anschnitt. Dieses Bild hatte ich mal als Postkarte bekommen und danach immer bei mir an dem Schrank oder auf dem Schreibtisch gehabt... es hat mich schon irgendwie geprägt. Ich fand diese Klarheit, Reduziertheit nur auf die Person, auf den Menschen so toll, und dieser weiße Hintergrund hat mich beeindruckt, weil da schon so viel Dramatik und Glaubwürdigkeit drin ist... Was würde passieren wenn ich bei meinen Modellen alle ihre Poster, Betten und Boxershorts im Foto sehen könnte?

Das wäre dann eine Reportage...

Ja, das wäre eine Reportage.

Die andere Sache ist, dass man sich bei solchen Fotos immer dem Vorwurf aussetzt, dass man von Avedon eben diesen weißen Hintergrund kopiert. Und heute findest du kaum ein Werbefoto ohne den weißen Hintergrund, was in dem digitalen Zeitalter sehr praktisch ist, weil man so schnell Freisteller bekommt oder andere Hintergründe einmontieren kann.

Also der Vorwurf, dass ich wie Avedon fotografieren würde oder, dass ich ihn kopieren würde... das rührt mich nicht. Als ich noch in Ostberlin meine Schwarz-Weiß-Fotos machte, wurde ich mit Mapplethorpe verglichen - "Der Mapplethorpe aus dem Osten". Das ist so albern! Schublade auf, Schublade zu, bloß weil die Sehgewohnheiten der Menschen sofort auf diese Bilder, auf diese Namen hinzielen. Aber die Inhalte sind anders, die Thematik ist eine andere. Selbst wenn ich dich jetzt vor Weiß fotografieren würde, wäre es ein anderes Foto geworden: denn nicht Avedon fotografiert dich, sondern ich. Ich habe damit kein Problem, dass ich mit ihm verglichen werde und ich halte dem Vergleich stand.

Vor kurzem hast Du gesagt, dass Du vielleicht die Serie fortsetzen möchtest, mit Frauen.

Nachdem diese Arbeit fertig war und als "Die Süße Haut" veröffentlicht wurde, war für mich innerlich das Thema erstmal abgeschlossen. Ich habe es zehn Jahre mit mir herumgetragen und wollte wieder etwas Abstand dazu haben. Und irgendwie dachte ich, ich will nicht fünfundzwanzig Jahre später immer noch der Fotograf der "blutigen Leidenschaft sein". So wurde ich im Tätowiermagazin vorgestellt. Das waren die neunziger Jahre, ich rede heute mit Dir und wir haben 2009.

Aber du sagtest, Du würdest gerne Frauen fotografieren.

Ja, das wäre jetzt die Herausforderung. Im Buch sind überwiegend Männer drin; das Ritual ist für mich sehr männlich. Jetzt wäre eine Herausforderung, ein Thema mit Frauen zu fotografieren, weil ich schon damals zwei Sachen entdeckt habe: Frauen sind viel mehr Poser als Männer. Sie haben noch vielmehr eingeübte Bilder. Ich habe ganz viele Frauen erlebt, die schön sein wollten, hübsch aussehen wollten, die eine Pose eingenommen haben, die man aus Frauenzeitung und Werbefotos kennt. Das habe ich bei den Männern nicht erlebt. Sie sind irgendwie natürlicher gewesen. Und jetzt wäre meine Frage, kann ich auch bei Frauen den Punkt erreichen, ihre Persönlichkeit und Identität einzufangen und nicht einem Bild erliegen?

Berit von Tatau ObscurKann es aber auch sein, dass nicht allein die Frauen ein eingeübtes Bild von sich haben, sondern auch der Blick der Fotografie auf sie, der Blick der Fotografen ein klischeehafter ist? Dass die Frauen bestimmten Sujets zugeordnet werden, dass das Feld längst abgesteckt und der Bewegrahmen begrenzt sind?

Ja, aber das kann man doch durchbrechen. Das ist nun gerade die Herausforderung. Ich glaube, da gibt es zwei Unterschiede. Einmal ist der eingeübte Blick der Männer, die die Frau so gerne sehen wollen, wie sie gern sehen, damit was Sexuelles passiert oder was weiß ich für einen Frauenbild vor sich haben. Und für mich sind die Frauen interessant, wenn ich einen Bruch entdecke. Also, wo nicht der große Busen vordergründig ist oder der schmollende Mund..., "meine Lippen empfangen dich"... ich meine, guckt dir die Cover der Fernsehzeitungen an! Alle haben denselben geöffneten Mund, alle haben diesen "ich bin leicht zu haben", "ich bin deine Verführerin", "du kannst machen mit mir, was du willst" Blick. Das sind die gängigen Posen, die mir immer wieder begegnen. Und am Ende wird gesagt, das sei eine starke Frau, sie stünde mitten im Leben, aber sie kommt immer wieder mit diesen jahrhundertealten Verführungsposen daher. Somit wird diese Rolle immer neu bedient. Und für mich wäre es wirklich interessant zu sehen, was für ein Frauenbild aufkommt, wenn ich sie fotografieren würde. Die also keine Verführerin sein sollte, sondern eine Frau mit Identität.

Du sagtest aber auch, dass du möchtest, dass die Frauen tätowiert sind, oder habe ich das falsch verstanden?

Das wäre mein Blickpunkt, von dem aus ich mich bewegen würde. Ja. Aber die Tattoos wären nicht alles.

Also, du suchst jetzt Frauen?!

Ich suche jetzt Frauen! Ihr Frauen der Welt meldet euch!

Das machen wir! Und mit dem Aufruf an die Frauen der Welt möchte ich unser Gespräch beenden. Ich danke Dir!

Iterview: agata
Fotos: Andreas Fux


www.andreas-fux.de


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