Bis zum 19. Januar 2009 wurde im Berliner Martin-Gropius-Bau eine
Retrospektive der Fotoarbeiten von Richard Avedon gezeigt. Der Besuch dieser
Ausstellung zusammen mit dem Fotografen Andreas Fux wurde zum Anlass für ein
Gespräch über das Entstehen von "Süße Haut", einem fotografischen Projekt,
das in Buchform 2005 erschien. Mittlerweile vergriffen, gilt es als Porträt
der Tattoo- und Piercingszene Berlins und wird als einer der verstörendsten,
aber auch erotischsten Fotobücher der letzten Jahre bezeichnet, dessen
enorme Dichte und fantastische Schönheit erst im Abstand einiger Jahre voll
gewürdigt werden kann.
Wann hast du angefangen zu fotografieren und wie entstand die "Die Süße Haut"?
Angefangen zu fotografieren habe ich schon 1983, eine Jugendliebe brachte mich dazu. "Die Süße Haut" ist das Ergebnis einer fast zehnjährigen Arbeit, und sie war nicht als Buch geplant. Es ist wirklich nur aus meinem Interesse an den Leuten entstanden, die ich damals bei "Blut und Eisen" kennen gelernt habe. Mit dem Laden hatte ich sehr viel zu tun, Mario und Yvonne sind Freunde von mir. Wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht...
Blut und Eisen ist ein Tattoostudio...
Ja, Blut und Eisen ist ein Tätowierstudio in Berlin, in der Alten Schönhauser... Es war einer der ersten neueren Tätowierläden in Berlin, das waren keine Heavy-Metal-Typen, sondern...wie soll ich’s sagen, eine neue Generation von Tattoo- Begeisterten. Ich fühlte mich dort sehr aufgehoben!
Und warum?
Man musste kein Motorrad haben und Aussehen wie ein Rocker.
Welches Jahr war das?
1993 nehme ich an, 93-94... Ich habe damals auch mein erstes Tattoo machen lassen, auf dem Rücken...
Was hast Du Dir machen lassen?
Einen stilisierten Molch...
Molch?... Bist Du einer?
Nee...ich bin ein Fuchs! Dieses Rückenmotiv hab ich in einer Werbezeitung entdeckt und sofort geliebt - ich wollte es haben! Bei diesem ersten Tattoo habe ich Hannes kennen gelernt. Mein Rücken tat weh vom langen Tätowieren an der Wirbelsäule rauf und runter. Ich bin fast durch die Decke gelaufen und neben mir saß so ein kleiner Typ, sah aus wie ein Engel, so blonde Haare, ließ sich am Arm tätowieren und hat keine Miene verzogen. Während ich ihn beobachtete, dachte ich, es ist Wahnsinn, wie er’s aushält und wie erlöst er dabei aussieht. Ich habe ihn am gleichen Tag gefragt, ob wir uns nicht zum fotografieren verabreden wollen. Er war somit mein erstes Modell für die "süße Haut", obwohl ich da noch nicht die Ausmaße der Arbeit überblickt habe. Ich besuchte Ihn in seiner Wohnung, ein kleines Haus in Tempelhof. Ich fühlte mich gar nicht wie in Berlin, sondern musste immer an Urlaub denken. Später nannten wir die Gegend "Klein Thüringen", aus Spaß.
Bei diesem Besuch stellte ich aber fest, dass mich die Umgebung des Zimmers ablenkte und ich so viel Realität nicht in meinen Aufnahmen haben wollte. Ich dachte an einen Katalog von Avedon, den ich zu Hause hatte und der mich zu dieser Zeit sehr beeinflusste und fragte Hannes, ob er sich vorstellen könnte, die Aufnahmen auch bei mir im Studio machen zu können. Ich wollte die Bilder mit einem weißen Hintergrund versuchen. Und weil es ja um Tattoos ging und die Farbe dort eine große Bedeutung hat, ging ich dann noch einen Schritt weiter und fotografierte das nicht in Schwarz -Weiß sondern in Farbe. Das war eine ganz schöne Tüftelei, bis ich mit den Ergebnissen glücklich war.
Wenn ich mich recht erinnere, du warst auch der erste, das Buch hat eingeschlagen wie eine Bombe... Du warst der erste, der so was wie eine Subkultur in einer isolierten Bildsituation fotografierte, zum Objekt konzentrierter Betrachtung gemachte hatte.

Na ja, die Betrachtungsweise hat Vorteile aber auch ein Nachteil. Ich kriege ganz oft den Vorwurf zu hören, dass die Bilder viel zu steril sind, weil sie aussehen wie abfotografierte Unfallopfer oder so...aber das finde ich nun gar nicht. Aus meiner Sicht leben die Bilder von der Intensität der fotografierten Leute, von dem Ausdruck der Schmerzen, die bei den darauf folgenden Aufnahmen eine Rolle spielen. Tätowierung ist mit Schmerz verbunden, aber noch viel mehr das Narbenschneiden... und gerade da sind Bilder entstanden, die ich ohne diesen Vorgang hätte nicht finden können. Also, ein schmerzverzehrtes Gesicht kann man vielleicht als Schauspieler hinbekommen, aber als Fotomodell nicht, nicht, wenn man das nicht wirklich spürt; den Unterschied merkt man.
Es sind teilweise Menschen, die sich vor Deiner Kamera selbst verletzt haben. Wie lange dauerten solche Sessions an? Und welchen Grad an Intimität musste man erreichen, damit sie das vor der Kamera überhaupt machen?
Die Fototermine fanden fast immer in der Nacht statt. Wir hatten uns am frühen Abend getroffen. Dann wurde noch nicht sofort fotografiert, sondern wir haben uns erstmal zusammengesetzt und was getrunken. Es war wie eine Verabredung unter Freunden: Wir treffen uns, machen was zusammen und dabei wurde eben fotografiert... Wir hatten eine grobe Vorstellung, was in dieser Nacht passieren sollte, aber es war nicht zwingend! Hätte sich ergeben, dass an diesem Abend die Stimmung für Cutting nicht da war, hätte auch etwas Anders entstehen können.
Das heißt, die Modelle waren zugleich Drehbuchautoren?
Die Themen sind entstanden, wenn wir uns trafen und, nicht erst im Fotostudio. Wir haben sehr viel zusammen gemacht, genau wie wir beide heute, sind wir ins Museum gegangen oder durch die Stadt gewandert. Wir waren nicht mehr Fotograf und Modell, sondern Freunde.
Die Frage zielt wieder auf Avedon, der seine Modelle dazu gebracht bestimmte Posen einzunehmen. Er hatte ein Bildkonzept im Kopf, er wusste schon vorher, was er mit einem bestimmten Menschen machen möchte. Und bei dir wäre sozusagen der umgekehrte Fall, nämlich, dass sich das Modell die Gedanken macht, was es sein wird.
Ich empfand mich als Katalysator. Es ist doch völlig klar, wenn ich diese Fotos aufnehme, dass die Motive der Tattoos oder die Cuttings die Jungs mitbrachten! Ich kann doch ihnen nicht sagen was sie auf ihrem Arm oder Bauch haben sollen.
Du gibst also nichts vor.
Nein, das sollen die Modelle selbst mitbringen. Ich bin kein Drehbuchautor. Du hast vorhin gemeint, die Fotos von Avedon wären sehr gepost und er hätte die Leute lange, über Minuten die Pose halten lassen... Meine Aufgabe als Fotograf bei den Shootings ist die Rolle des Beobachters... ich habe sie die Sachen machen lassen, hab mein Studio dafür zur Verfügung gestellt, habe die Stimmung hergestellt, damit sich die Leute wohl fühlen, damit auch die Sachen, die wir uns vorgenommen haben, funktionieren... Es könnte auch schief gehen, dass es nicht funktionierte... aber das spielte keine Rolle, wir mussten ja am Morgen danach keine perfekte Arbeit abgeben!
Und dann musst du vielleicht noch den Doktor rufen...
Nö, das musste ich nie. Es kam vor, dass ein Abend sehr weit ging, bis an die Grenzen des Fotomodells und als Ausdruck der Gefühle flossen die Tränen. Das war sehr emotional und hat mich sehr berührt.