Ewa - Flash-Tattoo - 22.10.08
Was war Dein merkwürdigstes Tattooerlebnis?
Das merkwürdigste? Vielleicht das. Im vergangenen Jahr war ich in einer polnischen Kleinstadt, Krotoszyn, auf einem Rockkonzert. Meine Bekannten hatten dort bei einem Filmfestival gespielt. Auf dem Marktplatz saßen die Gits. Weiß Du wer sie sind?
Nein.
Das ist so eine kriminelle Subkultur in Polen. Leute, die im Knast gewesen sind und viele Tattoos tragen. Als sie mich gesehen haben, kamen sie sogleich auf mich zu und haben angefangen sich auszuziehen, um mir ihre Tattoos zu zeigten. Sie fragten mich, ob ich auch im Gefängnis war. Ich war nie im Knast, aber irgendwie hatten die Jungs großen Respekt vor mir. Sie zogen sich aus, zeigten mir ihre tätowierten Rücken. Ich weiß nicht genau, es mussten aber an die zwei Stunden gewesen sein, die ich mit ihnen verbrachte. Für mich war das wie ein Schock, denn die Gits haben keine Achtung vor Frauen, aber mich haben sie respektiert, weil ich tätowiert bin und da es Sommer war, konnte man es auch sehen.
Wie hast Du dich gefühlt, als die Jungs dich so umscharten?
Irgendwie merkwürdig. Es ist so eine geschlossen Subkultur und diese Leute rufen meistens Angst hervor. Man möchte sie nicht unbedingt auf der Straße treffen, aber vor mir haben sie sich geöffnet. Und auf einem Mal war ich Teil einer Welt, die mich ihrer Tattoos wegen interessierte. In Polen kommt das Tattoo vom kriminellen Milieu her. Als ich Kind war, sah ich vor allem ehemalige Gefängnisinsassen, die tätowiert waren. Künstlerisches Tattoo gab es damals in Polen nicht. Als die Jungs sich vor mir auszogen und mir ihre Tattoos zeigten, erzählten sie mir auch von sich, von ihrem Leben. Es waren darunter welche die drei Viertel ihres Lebens im Knast verbrachten. Das war ein Schock für mich, denn obwohl ich ein völlig anderer Mensch bin und habe meine Tattoos aus anderen Beweggründen gemacht, gab es einen Faden der Verständigung zwischen uns. So zum Beispiel als sie erzählten, dass sie ihre Tattoos zur Erinnerung an Ereignisse gemacht wurden - die Haut als Tagebuch...
Was magst Du nicht?
Ich mag die Kommerzialisierung nicht...
Aber du lebst von der Kommerzialisierung! Du verkaufst Deine Tattoos, Deine Fähigkeiten...
Ich habe das auf dem Geld begründete System nicht erfunden. Ich mag keine Plastik-Kultur, wie Barbie und Ken. Ich mag die Verlogenheit nicht. Ich mag keine Tattoos, die nur wegen Geld gemacht werden. Ich lebe von Tätowierungen, aber oft tätowiere ich meine Bekannten auch umsonst. Oder wenn jemand kommt - im Friedrichshain haben viele nicht genug Geld - und sagt, nachdem er den Studiopreis gehört hatte, Sorry ich habe nicht so viel oder lebe von Harz IV oder, ob man es nicht günstiger machen könnte, da habe ich damit kein Problem.
Gibt es Kunden, die du ablehnst?
Ein paar Mal habe ich’s getan. Niemals würde ich Naziembleme tätowieren oder etwas, was von Hass und Intoleranz zeugt. Manchmal mache ichTattoos, die nicht ganz meinem Geschmack entsprechen, aber wenn der Mensch in Ordnung ist oder die Idee mir auf eine gewisse Art gefällt, dann mache ich es. Ich lehne es ab, wenn jemand kommt mit einem Magazin und exakt eine Kopie von einem Tattoo haben will. Wenn das eine Originalarbeit eines Tätowierers ist, mache ich es nicht. Ich versuche mich mit dem Kunden zu einigen, dass die Tätowierung als Inspiration dienen kann, aber dass eine Kopie nicht in Frage kommt.
Wie siehst Du die Entwicklung der Tattookunst in der Vergangenheit und wie siehst Du die Zukunft der Tätowierung?
Unterschiedlich. Im Westen hat die Tattookunst über hundert Jahre kontinuierliche Entwicklung hinter sich. In Polen, oder in ehemaligen kommunistischen Ländern, war das anders. Dort war die Tätowierung oftmals verboten und nur in Gefängnissen gemacht oder von den Matrosen, die durch die Welt reisten, getragen während im Westen oder in den USA offiziell Tattoostudios gab und die Tattookunst hatte eine Entwicklungschance. Nach Polen kam alles erst Anfang der Neunziger Jahre.
Wie hast Du das erlebt damals in Polen?
Ich war damals sehr jung. Als die ersten Studios bei uns in der Stadt öffneten war ich etwa fünfzehn. Selbstverständlich hatte es mich sehr interessiert und ich wollte tätowiert werden, aber damals konnte ich mir ein Tattoo nicht leisten...
... und dann hast du mit den Nadeln begonnen...
Ja, damals hatte ich mit den Nadeln begonnen und vielleicht war das sehr gut, dass ich so anfing, weil ich damals sehr dumme Ideen hatte. Darum glaube ich, dass es besser ist, dass sich die Menschen tätowieren lassen, wenn sie bereits ihre Persönlichkeit voll entwickelt haben, sagen wir so um die zwanzig. Erst dann kann man sagen, dass sie sich im vollen Bewusstsein dafür entscheiden. Heute kommen hierher auch schon sechzehnjährige, die sich tätowieren wollen, weil sie es Fernsehen gesehen habe. Das ist die Kommerz, die ich nicht mag. Aber es ist zugleich etwas wohin sich die Tätowierung entwickeln wird. Ich habe irgendwo gelesen, dass in Deutschland ungefähr 10% der Bevölkerung tätowiert ist...