
Wo die Lust ist, da ist auch das Verbrechen nicht weit entfernt. So lautet die Devise, nach der die erfolgreichen Plots der Unterhaltungskultur in allen ihrer Genres funktionieren. Denn "Sex und Gewalt markieren die beiden extremen Pole des menschlichen Gefühlsspektrums, das größte Verlangen des Menschen und seine tiefsten Ängste, das Beste und das Schlimmste der menschlichen Natur, den Anfang und das Ende unseres Lebens". Das schreibt Eric Godtland, dessen Sammelwut wir das Entstehen von "True Crime Detective Magazines", des neuen Buches vom Taschen Verlag, verdanken.
Bereits im 19. Jahrhundert versuchten sich die Tageszeitungen und die Vorläufer der heutigen Wochenmagazine in Kriminalreportagen. In dieser Zeit werden auch die Grundbausteine der Detektivstorys formuliert: Gewalt, Skandale und Sex. Außerdem fanden sich darin andere das Interesse der Leserschaft fesselnde Themen wie Vergewaltigung, Drogenmissbrauch, Serienmord, Bondage und die moralische Dekadenz. Mit diesen Themen verletzt die Presse zum ersten Mal bewusst die Grenzen des guten Geschmacks und die der allgemeinen Moralvorstellungen. Und zugleich waren es eben diese die Sensationsgier bedienenden Storys über den ganzen Abschaum der Großstadt, garniert mit einer adäquaten optischen Aufbereitung – denn wer nicht lesen konnte, sollte wenigstens sich an den Bildern laben können -, die die Detective Magazines zu Verkaufsschlager machten. Gleichzeitig etablieren sich auf dem Markt andere Formate der Kriminalliteratur, angefangen von Romanen über Groschenhefte bis hin zu Erzählungen in Serie, wie die Geschichten von Sir Arthur Connan Doyle über Sherlock Holmes. Wenn beides, Reportage und Fiktion, in der räumlichen Nähe eines Blattes wie das True Crime Detective Magazine veröffentlicht werden, wird damit der Grundstein für die Verwischung der Grenze zwischen Realität und Erfindung gelegt und es führt in letzter Konsequenz zu der Eventkakophonie heutiger Nachrichtenkanäle.
Von 1924 bis 1969 boten die Detective Magazines dem amerikanischen Publikum das perfekte Potpourri aus allem, was die menschliche Sensationsgier fesselt. Zugleich boten sie dem Leser die Möglichkeit, sich selbst als Ermittler zu sehen und sich von einer sicherer Warte aus dem menschlichen Abgrund zu widmen, was man ohne die Legitimation durch den Kauf eines solchen Blattes nie hätte gewagt. Verbrecher werden zu Helden und die Helden zu Verbrechern. Als die Große Depression solche Verbrecher wie Al Capone, Machine Gun Kelly, Bonnie and Clyde, Babyface Nelson und John Dillinger hervorgebracht hatte, war Detective Magazine so berühmt, dass Polizisten und Kriminelle gleichermaßen darum buhlten, sich auf den Seiten der Hefte wieder zu finden, während der FBI-Chef und Kommunistenjäger J. Edgar Hoover regelmäßig Beiträge für das Magazin schrieb.
Alle Genres der Unterhaltung müssen durch Herumexperimentieren, Anpassung und Innovation ihre eigene Erfolgsformel herauskristallisieren. Dabei wandelt sich der Unterhaltungsmarkt ständig und ruft immer neue Formate hervor. Bastelhefte der früheren Jahrzehnte wurden durch Comic oder Computerzeitschriften verdrängt. Auch die Detective Magazines waren ein Nischenprodukt des Unterhaltungsmarktes und über eine lange Zeit zählten sie zu den erfolgreichsten Formaten. Das Buch von Eric Godtland dokumentiert hervorragend dieses Format und stellt ein Kompendium seiner visuellen Mittel dar. Darin liegt die Stärke dieses Bandes. Außerdem ermöglicht es mit einem Blick zurück auf die Anfänge der Kriminalstorys zugleich einen Ausblick auf die zu erwartende Entwicklung innerhalb dieses Medienformats. Denn einem aufmerksamen Beobachter dürften die erstaunlichen Parallelen nicht entgangen sein. Das wäre zum einen, dass wir erneut in einer Zeit der sich anbahnenden großen Rezession leben, und zum anderen das Aufkommen vor wenigen Jahren solcher Fernsehformate wie America’s Most Wanted, Cops oder CSI, die in gewisser Weise an die Anfänge von True Crime Detecive Magazine erinnern.
Text: agat a
Eric Godtland/Dian Hanson:
True Crime Detective Magazines 1924 – 1969.
Deutsch von Harald Hellmann. Köln: Taschen 2008. 335 Seiten.
29,99 Euro.
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