
Es gibt Ereignisse, über die es sich lohnt, auch dann zu schreiben, wenn sie vergangen sind. In solchen Fällen legt sich ein Schleier aus Melancholie über die Worte und die Sätze fügen sich aneinander zu einem Fluss voller Traurigkeit über das Vermisste, ganz so, als ob man über die verloren gegangene Kindheit und ihre Unschuld sprechen würde.
In dem Fall, von dem ich erzählen möchte, wird die Melancholie noch dadurch potenziert, dass ich das eigentliche Ereignis verpasste und die dann folgende Versuche, das Versäumte nachzuholen, an der Geschäftigkeit des Alltags scheiterten. Am Ende war es ein sehr heißer Samstag gewesen, kurz vor dem Ende der Ausstellung, an dem ich die menschenleeren, in Stille gehüllten und zur meiner Erleichterung kühlen Räume der RISEBerlin Galerie betreten habe, um die Arbeiten von Alex Binnie zu sehen. Alex Binnie war am zweiten Mai in Berlin und zeigte zum ersten Mal in Deutschland eine Auswahl seiner Holzschnitte aus der Serie "Boned" – der Tod und die Jungfrau. Er war hier und ich habe ihn verpasst...
Alex Binnie gehört zu den Tätowierern, die als ersten begannen, für ihre Kunden maßgeschneiderte großformatige Tattoos zu entwickeln. Er gehört auch zu jener Generation von Tätowierern, die mit einer künstlerischen Ausbildung im Background in den 80ern Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu der Tattooszene stießen und anfingen, die bis dahin geltenden Motiv- und Bildkonventionen durchzubrechen. Doch bevor er Tätowierer wurde und begann Tattoos zu stechen, war er ein medizinischer Illustrator, was in der Ausstellung durch zwei seiner Originalzeichnungen belegt wurde. Das Gros der Arbeiten von Alex Binnie waren aber Holzschnitte in der Art der japanischen Shunga.
Shunga sind sexuell eindeutig. Die westlichen Betrachter würden die meisten davon als pornographisch einstufen. Manchmal waren die Szenen mit einer Decke verhüllt und nur ein Liebespaar war erkennbar. Shunga Drucke und Bücher dienten der sexuellen Stimulierung und der Sexualerziehung von jungen Frauen und Männern. Es gab sogar eine Tradition nach der die Braut eines daimyo - eines feudalen Herrschers von hohem Rang - eine Shunga Sammlung in ihrer Hochzeitsaussteuer mit in die Ehe einbringen sollte.