
Wenn eine Tätowierung gut platziert, sauber tätowiert und motivisch vollendet ist, dann macht sie den Träger stolz und glücklich, so Berit Uhlhorn. Sie wird ein Teil des Körpers und vervollständigt ihn. Die heute in unserer Gesellschaft vorherrschende Vorstellung von Körperlichkeit ist sehr entblößt. Wir sehen, verglichen mit unseren Vorfahren, sehr viel nackte Haut und werden mit Körperbildern konfrontiert, die in ihrer Idealisierung ganz unwirklich sind. Wir alle suchen nach Weisheit, Schönheit, Wahrheit und Vollständigkeit unseres Selbst. Jeder von uns trägt eine Vorstellung eigener Körperlichkeit in sich und eine Tätowierung kann diese Vorstellung von eigenem Leib vervollständigen. So gesehen, kommt dem Tätowierer eine Rolle zu, wie sie von Michelangelo beschrieben wurde, als er sagte, er befreie lediglich eine Figur, die in einem Stein gefangen wurde.
Berit Uhlhorn sagt, sie mag Kunden, die sich Fragen stellen und intensiv nach einem für sie passenden Tattoomotiv suchen. Diese Suche nach dem geeigneten Motiv kann wenige Minuten dauern, aber auch viele Tage der Recherche in Büchern und im Netz. Bei solch einer intensiven Auseinandersetzung werden aus Kunden oft Freunde.
Aber zugleich wundert sie sich oft, wie seltsam stupid Menschen in den kollektiven Bildvorstellungen mutlos stecken bleiben. Sie erzählt von einer Frau, die zu ihr gekommen war, um ein Tribal auf ihrem Steißbein zu erweitern. Er passte nicht zu ihr, meint Berit. Ein plumpes Tribal, wie es dieses war, passe nicht zu solch einer zarten Frau. Nach einigen Gesprächen, stellte sich heraus, dass diese Frau eine besondere Vorliebe für Maulwürfe hatte, weil sie sie an den Garten ihrer Großmutter erinnerten. Ein Entwurf wurde gemacht. Doch bevor er umgesetzt wurde, zog die Frau sich zurück, ganz so, als ob sie vor dem eigenen Mut zur solch einer starken Selbstpräsenz erschreckte. Wem es gelungen ist, die Schwelle von fremdbestimmten zu eigenen Bildern zu überqueren, erlebt oft das Wunder eines sehr intensiven Kontakts zum Selbst. Genauso wie es Herbert Hoffmann beschrieb, als er sagte, der Wunsch tätowiert zu sein, komme einer Naturgewalt gleich.
Das Aufkommen der Tätowierungen und ihre zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz in den letzten Jahren können wir auch als Teil eines allgemeinen Diskurses über menschliche Körperlichkeit betrachten. In der gegenwärtigen Kunst tauchten Körper auf, die den Idealvorstellungen und -normen widersprechen. Sie sind alt, krank oder verstümmelt. Sämtliche Reflexion über Körperlichkeit, die auch in der gegenwärtigen Kunst zu beobachten ist, hat ihren Anfang in der Frage nach Moralität, nach der Definition des Körpers und der Körperlichkeit und der Weise wie sie unsere Identität, unsere Daseinsform bedingen. Der Körper, den wir haben, ist einer unter vielen. Er unterliegt den Gesetzen der belebten und unbelebten Natur, wird unterschiedlichen Formen der gesellschaftlichen Reglementierung unterworfen und zum Objekt verschiedener Arten gesellschaftlicher Fürsorge gemacht. Körper und Körperlichkeit sind nicht zuletzt kulturelle Konstrukte. Durch geschlechtliche, sexuelle oder ethnische Trennungen werden Individuen gesellschaftlich definiert. In unseren Vorstellungen von Idealkörper folgen wir den gesellschaftlichen Normen und dressieren den eigenen Leib, damit er ihnen entspricht.
Heute gibt es, so Berit Uhlhorn, starke entropische Tendenzen innerhalb der Gesellschaft, die die Menschen voneinander entfernen und ihnen die Kraft nehmen, sich füreinander zu entscheiden, für einander da zu sein und auf diese Weise zum Individuum zu werden. Tätowierungen zeigen, wer wir sind. Sie können von dem Anderen gelesen werden und addieren sich am Körper zum Ausdruck des eigenen Selbst. Damit sind die Tätowierungen immer kommunikativ und revolutionär. Tätowierungen bedienen stets das gesellschaftlich subversive Moment und sind Zeichen individuellen Ungehorsams gegenüber allgemein geltenden Normen und Vorstellungen. Sie sind nicht innen sondern außen. Sie sind direkt und wahr. Tätowierungen können schlecht gemacht sein, aber sie lügen nicht.
Text: agat a
Fotos: Berit Uhlhorn
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