
Berit Uhlhorn kommt von einem Tanzkurs zurück. Drei Mal in der Woche lernt sie zusammen mit ihrem Mann tanzen. Heute waren die Distorsionsübungen dran - denn der Körper soll lernen, sich auch in entgegengesetzten Achsen zu bewegen, während er tanzt. Unmerklich sind wir so an einem Thema gelangt, das sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch an diesem Abend ziehen wird - die Körperlichkeit.
Das aller erste Mal sah ich Berit Uhlhorn auf der Convention 2007 in Berlin. Schnell ging sie durch die Hallen, schaute mal hier mal da, hob sich von den übrigen ab. Wie jemand nicht von dieser Welt wirkt sie in ihrer wohlausgesuchten Kleidung jenseits von schwarzen T-Shirts und Jeans. Sorgfältiges Make-up, das ihre klugen Augen hinter der Brille und die wohlgeformten Lippen betont, zaubert ein Gesicht, das sein Gegenüber fesselt. Nur eine schmale blonde Haarsträhne schmückt den Kopf. Kein unnötiges Spiel mit den Haaren lenkt den Blick ab. Berits durchdringende Augen fordern zur Konzentration auf.
Beim Anblick der Arbeiten, die sie auf ihrer Homepage präsentiert, stockt es mir den Atem. Es sind Abbildungen von Tätowierungen. Aber diese präsentieren sich in solch einer zeichnerischen Qualität, wie sie auch sonst kaum an den Kunstakademien oder in den Kunstgalerien zu sehen ist. Wohl eher sind vergleichbare Arbeiten in alten Bildbänden zu finden, in denen man so gerne schmökert. Es scheint, als würde sie die Eigenart und den Farbwert der Haut in die Komposition integrieren, so wie es auch die Tuschezeichner mit den unterschiedlichen Papiersorten tun. Berit Uhlhorn bestätigt das. Sie müsse auf die Eigenheiten der Haut eingehen. Eine dunklere Haut verlangt nach stärkeren Kontrasten. Zartes würde hier keine Chance haben. Sie nutzt die Eigenschaften der Haut und "tapeziert" sie nicht vollständig mit Farbe zu.
Die traditionelle, vor allem amerikanische und europäische Tätowierkultur, begreift Bilder auf der Haut als Buttons. Die Konturen bestimmen die Außenform, - oder ein flächiger Hintergrund, der dem Bild seine Abgeschlossenheit gibt. So wird die Haut als eine Oberfläche begriffen, die wie ein Reisekoffer mit Einzelbildern bedeckt werden kann, wobei die Stelle, an der ein Tattoo angebracht wird, eher eine untergeordnete Rolle spielt. Auf den Körper einzugehen, seine Formen in die Gestaltung von Tätowierungen einzubeziehen ist eine Herangehensweise der asiatischen und ozeanischen Welt, so Berit. Der Körper wird als Einheit begriffen und die Tätowierungen gehen auf seine Formen ein. Die modernen Tätowierungen orientieren sich mehr an dieser Auffassung. Und Berits Arbeiten im Besonderen. Da alle Zeichnungen direkt auf dem Körper entstehen (sie benutzt kaum Stencil), wirken sie wie angegossen. Sie spielt mit Blickbezügen, Spannungsverläufen, Wucht und Offenheit und rankt so ein Bedeutungsnetz um den Leib.
Gefragt nach dem Moment, wann sie die Entscheidung getroffen hat, anders als die anderen tätowieren zu wollen, antwortet Berit wie aus einer Pistole geschossen: Es war von Anfang an so. Als sie begann, gab es kaum freie Tattoostudios und selbst dort eine strickte Rangordnung. Bis in die 90er Jahre waren die Tattoostudios an Rockerclubs angedockt - teilweise ist das noch bis heute so. Auch war damals das Formenrepertoire sehr beschränkt: für die Jungs: Totenköpfe und Motorräder, für Mädchen: Trolle, Röschen und blaue Delphine...
Berit Uhlhorn gehört zu der ersten Generation von Tätowierern, die eine künstlerische Ausbildung vorzuweisen haben. Aufgewachsen in einer Familie, in der das kreative Tun zu einem selbstverständlichen Handeln gehörte, absolvierte sie eine Ausbildung an der Bremer Fachoberschule für Gestaltung. Nach dem Abschluss zog sie nach Berlin und arbeitete in der Ateliergemeinschaft Intensivstation an Plastiken, die Konstruktionen aus Hölzern waren, mit Papier bespannt, mit Wachs getränkt, um eine hautartige Oberfläche zu erzielen. Dass sie zu tätowieren begann, nennt sie Zufall und verschweigt nicht, dass der Zufall auch ein Abkommen zwischen ihr und dem Tätowierer Ole Dobis war, den sie beim Aktzeichnen in der Volkshochschule kennen lernte. Dieses Abkommen sah vor, sie bringe ihm das Zeichnen bei und er ihr das Tätowieren. "Und eines Tages habe ich mich mit ihm auf sein Zimmer begeben, wir haben die Maschine zusammengesetzt und dann sollte ich ihm einen kleinen Schriftzug tätowieren. Nach drei Bier hatte ich zwar keine ruhige Hand mehr, dafür aber auch keine Angst. So ging’s los."
Zur gleichen Zeit, als sie anfing zu tätowieren, stießen zu der Szene viele, die wie sie einen anderen kulturellen Background als die klassischen Tätowierer hatten. Es waren Grafiker, Comiczeichner oder Graffitikünstler, die außer ihren ästhetischen Instinkten auch eine solide Grundausbildung mitbrachten. So kamen in den 90ern neue Motive und neue Größenordnungen auf. Von da an wurden vollständige Körperpartien wie Oberarme/Schultern, Hüften/Beine und Rücken tätowiert. Bis heute haben sich die Sujets der Tätowierung weiterentwickelt und verfeinert. Dabei gibt es Neuinterpretationen bekannter Klassiker im Old School, New School, Japanese, wie delikate Entwicklungen in der Realistik oder bizarre Abstraktionen.