Anabi - Anabi-Tattoo - 28.06.08
Wie lange tätowierst Du schon?
Angefangen habe ich gegen Ende 1990. Aber für Tattoos habe ich viel früher begonnen zu interessieren. Ich kann mich erinnern, dass ich bereits in der Grundschule Tattoos haben wollte. Seit der Kindheit an mochte ich zeichnen und widmete darauf viel Zeit. Leidenschaftlich las ich Bücher und Comics und zeichnete meine Lieblingshelden nach. Später besuchte ich Tattoostudios, schaute mir Zeitschriften mit tätowierten Menschen an. Heimlich zeichnete ich die Motive in mein Heft. Manchmal baten mich meine Mitschüler, dass ich ihnen ein Tattoo auf der Haut zeichne, damit sie damit angeben können. Aber damals dachte ich nie, dass ich wirklich tätowieren könnte. Doch seitdem ich es mache, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich etwas anderes machen könnte!
Wo und wann hast Du angefangen zu tätowieren?
Am Ende der Grundschule war ich überzeugt, dass aus mir ein Comiczeichner wird. In der Pubertät, dann wenn die Zeit des Sturm und Drangs kommt, macht man als junger Mensch verschiedene Sachen, um sich abzugrenzen. Für kurze Zeit bin ich von Zuhause abgehauen und ließ mir das erste Tattoo machen. Nach einigen Wochen habe ich mich wieder mit meinen Eltern gestritten und bin zum zweiten Mal abgehauen. Seitdem sind acht Jahre vergangen und ich lebe auf eigene Faust. Der Anfang war sehr schwer. Ich bin sehr stur und obwohl ich weder einen Dach überm Kopf noch Geld, noch Arbeit hatte... ich hatte nichts... beschloss ich, dass ich alleine durchkommen werde. Einige Wochen irrte ich herum, hab’ bei den Kumpeln gepennt. Als die Sommerferien anfingen, arbeitete ich in der Kneipe bei meinen Großeltern in Kamien Pomorski durch, nach dem Sommer nach Stettin zurück und bezahlte von dem verdienten Geld das Schulgeld am Gymnasium für Erwachsene. Ich wohnte in einem katholischen Internat für Laien. Außer mir wohnten dort etwa vierzig andere Jungs in meinem Alter.
Als Gegenleistung für das Dach überm Kopf musste man verschiedene Arbeiten für das Haus verrichten und obwohl die Betreuer uns hart ’rannahmen und hart bestraften, bin ich froh dort gelandet zu sein. Ich habe dort viel über die Menschen und das Leben gelernt. Auch dort im Heim habe ich die ersten Tats gemacht. Ein Neuer hatte eine selbst gemachte Maschine. Er bat mich, ihm ein Motiv am Unterarm zu zeichnen und begann, sich selbst zu verunstalten. Einen Augenblick schaute ich ihm zu und dann sagte ich: "Lass mich mal!". Und so hatte es begonnen. Später begegnete ich Joseph, der in Stettin das Studio ALIEN führte und blieb bei ihm anderthalb Jahre. Ich verdanke ihm viel, aber leider gab es im Studio keinen Platz für einen zweiten Arbeitsplatz, also schränkte sich meine Tätigkeit darauf ein, in Vertretung von Joseph kleine Motive nach Dienstschluss zu machen. Von dieser Arbeit auf Abruf konnte ich nicht leben, also musste ich von ALIEN weggehen und eine andere Geldquelle finden. Ich reiste durch die kleinen pommerischen Städte. Zwei Wochenenden im Monat tätowierte ich in Berlin. 2007 kam der Durchbruch. Mehr und mehr Menschen wollten von mir tätowiert werden.
Statt ein paar Male im Monat tätowierte ich nun ein paar Male in der Woche bis es zur täglichen Arbeit wurde. Kein normales Leben mehr, geschweige denn Erholung. Ich brannte aus. Von meiner künftigen Schwiegermutter erfuhr ich, dass im Zentrum der Stadt ein Laden zu mieten ist. Ich schaute mir ihn an. Nach Gesprächen mit Bekannten und mit Sonia, dachte ich mir, es sei an der Zeit, alles auf eine Karte zu setzen. Ich schmiss den verdammten Job und konzentrierte mich auf den Umbau des Ladens. Nach drei Monaten Schuftens und Behördenkrämpfe erfüllte ich mir meinen größten Traum. Ende September 2007 eröffnete ich vielleicht das erste Autorentattoostudio in Stettin, das ANABI-TATTOO.
Was ist Dein Stil bzw. welchen Stil bevorzugst Du und warum?
Ich mag arbeiten in verschiedenen Stilen, in Abhängigkeit davon, welchen Ergebnis ich erreichen möchte. Ich möchte mich nicht auf den Kanon eines einzigen Stils einschränken. Für jede einzelne Person bereite ich einen individuellen Entwurf, oder wenn’s reicht eine Skizze. Das erfordert mehr Zeit, denn ich muss zunächst herausfinden, was und in welchem Stil der Kunde haben möchte, das Motiv vorbereiten, eventuelle Korrekturen machen und erst danach kann ich anfangen. Aber für mich ist das Endergebnis am wichtigsten und nicht die Geschwindigkeit. Klar, dass man nicht alles zeichnen kann, was im Kopf drin ist, oder nicht so gut, wie es sein sollte, daher schaue ich wie es die anderen das gleiche Thema gelöst haben. Oder versuche ich mich durch die verschieden Formen der Kunst zu inspirieren, angefangen von der Zeichnung über Malerei bis hin zur Computergrafik. Immer häufiger arbeite ich free hand. Das macht mir großen Spaß.
Wer oder was sind Deine Vorbilder?
Obwohl es viele Künstler gibt, derer Arbeiten mir sehr gefallen, und auch viele, derer handwerkliches Können einfach außergewöhnlich sind, gibt es für mich keinen Idol, dessen Stil ich versuchen würde nachzuahmen.